PRESS-SCHLAG

Englische Blase

ZASTER DFL-Chef Christian Seifert will wegen des opulenten TV-Vertrags der Premier League künftig mehr auf die Irrationalismen des Fußballgeschäfts vertrauen

Wer wollte sich nicht schon immer mit Lionel Messi, Ronaldo oder anderen Fußballgrößen messen? Ein Gehaltsvergleichsrechner auf der Website der BBC macht es möglich. Mit dem monatlichen taz-Salär etwa hätte man Mitte des 16. Jahrhunderts anfangen müssen zu arbeiten, um just heute den Betrag verdient zu haben, den der Argentinier Angel Di Maria (Manchester United) derzeit jährlich einstreicht.

Man mag das für irrwitzig halten. Nach dem neuesten TV-Vertrag, den die englische Premier League dieser Tage abgeschlossen hat, wird man vermutlich aber bald noch einmal neu nachrechnen müssen. Gut möglich, dass man dann mit der taz-Berichterstattung besser unmittelbar nach Christi Geburt hätte anfangen müssen. Dank des Wettstreits zweier TV-Giganten wird der englische Fußball mit Geld überhäuft. Mit dem neuen Kontrakt verbucht man einen Zuwachs von 70 Prozent. Selbst der Tabellenletzte der Premier League darf ab 2016 jährlich mit 133 Millionen Euro Fernsehgeldern rechnen. Zum Vergleich: Bayern München erhält derzeit 38 Millionen im Jahr. Wie Fallobst, schreibt der Guardian, sei der englischen Liga das Geld zugefallen.

Auf eine ähnliche Zufallsernte hofft nun Christian Seifert, der Chef der Deutschen Fußball Liga. Kaum waren die Zahlen aus England publik geworden, mahnte er, man befände sich in einem Verdrängungswettbewerb der Ligen. Man müsse in Deutschland über unpopuläre Maßnahmen wie weitere neue Anstoßzeiten nachdenken, um mehr Geld zu erzielen.

DFL-Chef Seifert, der das Wort „seriös“ wie eine Monstranz vor sich herträgt, sollte sich eigentlich von den Nachrichten aus England nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das Geschäft mit dem Fußball beruht auf Irrationalismen. Refinanzierbar sind die Ausgaben der englischen TV-Giganten sowieso nicht. Aber sie schwimmen zu sehr im Geld, als dass sie auf eine Rendite aus dem Deal angewiesen wären. Auf eine vergleichbare Grundlage für ihr Geschäft zu hoffen verträgt sich eigentlich nicht mit dem seriösen Gebaren der DFL. Der Bezahlsender Sky, der Inhaber der Bundesligarechte, schreibt trotz eines kleinen Aufwärtstrends weiterhin rote Zahlen. Auf dem deutschen Medienmarkt lassen sich derzeit kaum wundersame Zuwachsraten erzielen.

Wettbewerb funktioniert sowieso nur dann, wenn mehrere starke Teilnehmer in Konkurrenz zueinander stehen. Die englische Blase wird platzen. In aller Gelassenheit könnte Seifert dabei zusehen. Aber auch in Zeiten der allgemeinen Rezession glaubt man in der DFL offenbar an das Wunder des unbegrenzten Wachstums. Das Massenkulturgut Fußball wird als Ware vermarktet, für deren Werststeigerung gern auch weitere fanfeindliche Beschränkungen durch immer exklusivere Zugänge in Kauf genommen werden. Dahinter stehen Vorstellungen, die mindestens so entrückt sind wie die zu erwartenden Gehaltssteigerungen von Di Maria und Co.JOHANNES KOPP