Mit Fußgelenk und Nervenstärke

■ Die bundesdeutschen Leichtathleten sahnten bei der 21. Hallen-Europameisterschaft in Glasgow mächtig ab / Trotz eines absurden Förderungssystems der Sporthilfe besteht die Lust auf Leistung

Glasgow (dpa/taz) - Von wegen Leistung wird belohnt: Der Weitspringer Dietmar Haaf trainiert nicht umsonst wie ein Wilder, er hat auch internationalen Erfolg damit. Die angemessene finanzielle Unterstützung scheitert jedoch am Formalismus der Deutschen Sporthilfe. Diese nämlich berücksichtigt per Statut keine Hallen-Erfolge bei der Vergabe von Mitteln. So erhält der Spitzensportler aus Kornwestheim für seine Bemühungen um bundesdeutsche Leichtathletik-Highlights wenig mehr als einen warmen Händedruck.

Dabei ist der 173 Zentimeter hohe Schwabe gerade in der Halle ein Großer: Der Vize-Weltmeisterschaft 1989 in Budapest hinter Larry Myricks (USA) ließ Haaf am Samstag in Glasgow den europäischen Titel folgen. Vergangenes Jahr im Freien hatte ein Muskelfaserriß nur noch 7,99 m zugelassen schade aber auch, denn das war zu wenig für die Optimalförderung.

Doch Haaf ließ sich von dem absurden Förderungssystem nicht ins Boxhorn jagen und organisierte sich andere Geldquellen: Die University of Southern California (USC) zahlt dem Maschinenbaustudenten ein Stipendium. Mit „Strömungsdynamik“ beschäftigt er sich in Los Angeles, wenn er nicht gerade in Zehn-Schritte-Sprüngen über den Pazifik-Strand von Santa Monica hüpft. Techniktraining kommt dabei zum Leidwesen von Trainer Alfred Rapp viel zu kurz. „Das geht da nicht“, meint der Coach, der seinem Schützling, Schwarz-Schilling sei Dank, wöchentlich per Telefax das Trainingsprogramm übermittelt.

Mit Faxen zum Erfolg: Für das Gespann Haaf/Rapp ist das nur eine Notlösung. Schon am Mittwoch, einen Tag nach seinem 23. Geburtstag, fliegt der Europameister bis Anfang Juni zurück in die USA und hofft, daß sein Trainer wenigstens die letzten Wochen zum Techniktraining nachkommen kann. „Vielleicht finden wir durch den Titelgewinn einen Sponsor, der die Reise finanziert“, liebäugelt Rapp, einem Trip nach Californien nicht gänzlich abgeneigt. Seine Anwesenheit soll beruhigend auf den Springer wirken und ihm den Druck vor dem großen Saisonziel - der Europameisterschaft Ende August in Split - nehmen.

Dabei läuft Haaf unter Druck zu einsamer Höchstform auf: Am Samstag hatte der deutsche Hallen-Meister im vierten Versuch 8,03 m vorgelegt, als er ungeahnt vom Niederländer Emiel Mellaard (8,08) und Robert Emmijan (UdSSR/8,06) übertroffen wurde. Da mußte er sich schnell was einfallen lassen: „Ich dachte nicht, daß die Goldmedaille weg ist, ich dachte vielmehr: Ich habe eine Bestleistung von 8,25 m, da werde ich doch 8,10 springen können.“ Gedacht, getan. Er riß sich zusammen, ignorierte seine schmerzhaft gezerrten Bauchmuskeln und landete bei 8,11 m. Wegen der Verletzung hatte er den fünften Versuch ausgelassen, und „ich hätte auch den letzten nicht gesprungen, wenn die mich nicht überholt hätten“, erklärte er ohne falschen Ehrgeiz.

Als seine besonderen Stärken nennt er seine strapazierbaren Nerven und sein wundersames Fußgelenk. „Ich habe eines der schnellsten, verliere wenig Geschwindigkeit am Balken.“ Auch die Anlaufgeschwindigkeit hat Haaf in den ersten drei USA -Monaten erhöht: Von 10,44 Meter pro Sekunde am Ende des Anlaufes auf 10,57. Superstar Carl Lewis hat ihm mit 10,9 m/Sek. da noch einiges voraus. Doch das sieht Haaf ebensowenig dramatisch wie die fehlenden Zentimeter. „Wenn Emmijan mit 1,78 wie bei seinem Europarekord 8,86 m springen kann, kann ich mit meinen 1,73 auch 8,66 springen. Und damit kann man alles gewinnen.“

Alles gewinnen wollte auch Sprinterin Ulrike Sarvari, und zwar so gerne, daß sie nach ihrem Sieg über 60 m, im Gegensatz zu Haaf, dem Aktuellen Sportstudio am Samstag kalt lächelnd einen Korb gab und sich lieber auf die 200 m vorbereitete. Im schnellsten Rennen der Welt in dieser Hallensaison ließ die mehrfache Deutsche Meisterin die 60 m -Strecke in 7,10 Sekunden, sprich neuem deutschen Hallenrekord, hinter sich. Das Nachsehen hatten die Französin Laurence Bily (7,13) und die fünffache Hallen -Europameisterin Nelly Cooman (Niederlande, 7,14).

Gleichermaßen cool und selbstbewußt agierte die Kugelstoßerin Claudia Losch (Fürth), die mit ihrem ersten Versuch 20,64 m erreichte und damit die Freiluft -Weltrekordlerin Natalja Lissowskaja (UdSSR, 20,35) und Grit Hammer (DDR, 19,53) von Anfang an entmutigte.

Auch die dritte Erfolgsfrau, die Hochspringerin Heicke Henkel, zog große Sprünge großen Sprüchen vor. 1,96 m reichten ihr zwar schon zum Titelgewinn, weil sie es aber so gewöhnt ist, sprang sie auch noch über zwei Meter.

Blamiert hat sich der Brite Linford Christie, der im Vorfeld mächtig über die so schlechte, weiche und langsame Bahn herzog und seine Meldung zurückzog. Der Ehrgeiz ließ ihn sich umentscheiden, trieb ihn über die 60 m-Strecke, und das in der hervorragenden Zeit von 6,59 Sekunden, was seine vorangegangenen Aussagen als feiges Geschwätz enttarnte.

micha Frauen: 3.000m: 1. Elly van Hulst (Niederlande) 8:57,28 Min., 2. Margareta Keszeg (Rumänien) 8:57,50, 3. Andrea Hahmann (DDR) 9:00,31, Hochsprung: Heike Henkel (Leverkusen) 2,00 m, 2. Britta Vörös (DDR) 1,94, 3. Galina Astafei (Rumänien) 1,94, Weitsprung: 1. Galina Tschistjakowa (UdSSR) 6,85 m, 2. Jelena Kokonowa (UdSSR) 6,74 m, 3. Helga Radke (DDR) 6,66, 3.000 m Bahngehen: 1. Beate Anders (DDR) 11:59,36 Min. (Hallen-Weltrekord), 2. Ileana Salvador (Italien) 12:18,85, 3. Anna-Rita Sidoti (Italien) 12:27,94. 6. Andrea Brückmann (Lahn-Diez) 12:33,30 (DLV-Hallenrekord), Männer: 60 m: 1. Linford Christie (Großbritannien) 6,65 Sek., 2. Francesco Pavoni (Italien) 6,59, 3. Jiri Valek (CSSR) 6,63, Weitsprung: 1. Dietmar Haaf (Kornwestheim) 8,11 m, 2. Emiel Mellaard (Niederlande) 8,08, 3. Robert Emmijan (UdSSR) 8,06, Kugelstoßen: 1. Klaus Bodenmüller (Österreich) 21,03 m, 2. Ulf Timmermann (DDR) 20,43, 3. Sven Buder (DDR) 20,20. Dreisprung: 1. Igor Lapschin (UdSSR) 17,14 m; 2. Oleg Sakirkin (UdSSR) 16,70; 3. Tord Henriksson (Schweden) 16,69.