piwik no script img

Ansturm auf DDR-Lebensmittelgeschäfte

■ Reaktion auf Empfehlung des Runden Tisches nach Streichung der Subventionen / Einkommenserhöhung um 150 Mark monatlich / Run auf preiswerte Produkte / Grundsätzliche Zustimmung bei gleichzeitiger Besorgnis über die Folgen für die Verbraucher in der Presse

Ost-Berlin (dpa) - Ein Großteil der DDR-Bürger hat am Dienstag mit Panikkäufen auf die vom Runden Tisch beschlossene Empfehlung reagiert, Subventionen für Lebensmittel in der DDR zu streichen. An vielen zentralen Kaufhallen in Ost-Berlin bildeten sich bereits am frühen Morgen lange Schlangen. Besonders groß war der Ansturm auf Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und Fleisch, die bislang durch staatliche Preisstützung künstlich besonders billig gehalten wurden.

Der Runde Tisch hatte am Montag der Regierung empfohlen, noch vor den Wahlen die Subventionen für Lebensmittel abzubauen und für diese etwa 30 Milliarden Mark dann das Einkommen jedes DDR-Bürgers pro Monat um etwa 150 DDR-Mark zu erhöhen. Dies sei ein Beginn zu wirtschaftlichen Strukturveränderungen in der DDR, der den Reformwillen der DDR-Regierung verdeutliche, hieß es in dem Gremium. Außerdem solle mit der Maßnahme spekulativen Aufkäufen mit illegal getauschter DDR-Mark sowie der Verschwendung, zum Beispiel der Verfütterung von Brot an Vieh, Einhalt geboten werden.

Im Lebensmittelladen „Sternchen“ an der Ostberliner Karl -Marx-Allee waren Milchprodukte am späten Vormittag bereits ausverkauft. Befragte Bürger rechneten damit, daß ein Liter Vollmilch - bisher für 66 DDR-Pfennige zu haben - bei Wegfall der Subventionen mindestens dreimal so teuer wird. Dasselbe gelte für Brot, derzeit sechzig Pfennige pro Kilogramm, sowie für Fleisch. Für 100 Gramm Rindergehacktes müssen DDR-Verbraucher bis heute eine DDR-Mark hinlegen. Beobachtung einer Verkäuferin: „Gekauft wird alles, was da ist, sogar Zucker und Mehl in rauhen Mengen.“ Weniger gefragt waren teurere Produkte wie Alkohol, Tabak und Süßwaren aus den Delikatläden.

Eine junge Frau mit zwei Kindern erklärte, sie halte die bei Streichung der Subventionen versprochene Ausgleichsabgabe von 150 DDR-Mark pro Bürger „für einen Witz“. Ähnlich die Meinung der meisten Befragten. Niemand glaubt, daß er „damit wirklich zurechtkommt“. Die Ausgleichszahlung müßte mindestens doppelt so hoch sein. Manche Käufer machten aus ihrer Wut kein Hehl: „Jetzt geht's los“, wetterte ein älterer Mann, „Generalstreiks werden kommen.“

In den DDR-Zeitungen vom Dienstag fand die Empfehlung des Runden Tisches zur Streichung der Subventionen zwar Zustimmung, besorgt äußerten sich die meisten Kommentatoren aber über die Perspektiven für die Verbraucher. In der 'Jungen Welt‘ hieß es, kaum jemand werde bei dieser Nachricht in Jubelschreie ausbrechen. „Mit Bangen sieht man diesen Preiserhöhungen entgegen, fragt sich, ob das Geld, was man verdient, überhaupt noch reichen wird.“ Völlig unklar ist, nach welchem Raster die 150-Mark -Ausgleichszahlung vergeben werden soll. Die 'Berliner Zeitung‘ fragt: „Erhalten Kinder diese Summe über das Kindergeld der Eltern - also unversteuert, aber die Berufstätigen zum Lohn - also versteuert? Verbraucht das Baby ebensoviele Lebensmittel wie der klotzende Arbeiter?“

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen