: Geisterwirkung
Es gibt also, wie die Experimente von Jacques Beneviste mit „substanzlosen“ homöopathischen Substanzen zeigen, Wirkungen ohne Ursachen. So skandalös dieses Ergebnis der kausalen Logik scheinen mag — und wie entsetzt orthodoxe Medizin-Professoren diesen materialistischen Beweis ,irrationalen Hokuspokus‘ kommentieren werden — für die moderne Naturwissenschaft ist der Zusammenbruch der Kausalität nichts Neues. Spätestens seit den Ergebnissen der Quanten-Physik in den 20er Jahren steht sie auf der erkenntnistheoretischen Tagesordnung. Im Innersten der Natur, dem Mikrokosmos der Atome — so entdeckten die Quanten-Physiker — regelt keine logische Mechanik, sondern eine mysteriöse Wahrscheinlichkeit das Geschehen. Albert Einstein war die „geisterhafte Fernwirkung“ unter den Quanten-Teilchen nie geheuer, in den 30er Jahren entwickelte er mit seinen Kollegen Rosen und Podolsky einen Versuch, mit dem die irrationale Unschärfe der modernen Physik ad absurdum geführt werden sollte — doch das Einstein-Rosen-Podolsky-Experiment ging nach hinten los. Zwei atomare Teilchen, die einmal miteinander verbunden waren, bleiben in unmittelbarem Kontakt, auch wenn sie sich am entgegengesetzten Ende des Universums aufhalten, ihr Informationsaustausch findet in Überlichtgeschwindigkeit statt — ein Tempo, das nach der Relativitätstheorie unmöglich ist. Dies ist kein Science-Fiction-Szenarium, sondern ein Hintergrund, auf dem die Entdeckungen Benevistes gar nicht mehr so aberwitzig, sondern durchaus vernünftig erscheinen. Das Problem, das orthodoxe Physiker und Mediziner damit haben, resultiert aus einer Abschaffung.
So wie Einstein den Äther als alles umgebendes Fluidum abgeschafft hatte, hat die moderne Medizin den „ätherischen Leib“ für überflüssig erklärt, aber wie sich zeigt, offenbar verfrüht. So wie Einstein schon 25 Jahre später von dem merkwürdigen Super- Energie-Feld der ERP-Übertragungen eingeholt wurde, sieht sich die Medizin jetzt mit einem energetischen Fluidum konfrontiert, das ebenfalls ihren Rahmen sprengt. Es geht nicht darum, den alten Äther — oder die allbeseelende Lebenskraft einfach wieder einzuführen. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, dem Nichts, das an seine Stelle trat, endlich wieder Qualitäten zuzusprechen und sie zu erforschen: Es ist offenbar kein Nichts, sondern ein super-physikalisches Medium, das auf unbekannter Welle sendet und, so zeigen Benevistes Zelloberflächen, terrestrisch durchaus empfangen wird. Aus dieser ersten Empfangsmeldung ist kein Alleinvertretungsanspruch der Homöopathie abzuleiten — wie es der lange verfemten Zunft der medizinischen Simulationskünstler vielleicht naheliegen könnte — dogmatischen Kritikern ihrer wissenschaftlichen Relevanz allerdings wird auf Dauer selbst mit der schärfsten Verdünnung nicht zu helfen sein. Da brauchts, befürchte ich, wie bei Herzinfarkt oder Magendurchbruch den klassischen Doktor, in diesem Fall einen Psychiater. Mathias Bröckers
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