: Mythos Aufklärung
■ Dunkle Flecken der „Hauptverwaltung Aufklärung“
Berlin (taz) — Der Mythos von der „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA) hält sich hartnäckig: Mit der nach innen, gegen die DDR-Bevölkerung gerichteten Repression wollen die meisten der 4.128 hauptamtlichen Mitarbeiter und 582 Offiziere im besonderen Einsatz (Stand 1989) nicht befaßt gewesen sein. Folgt man den Aussagen der ehemaligen Aufklärer, hat die HVA nichts anderes getan, als die Nachrichtendienste anderer Länder auch: reine Nachrichtenbeschaffung. Nur erfolgreicher als die Konkurrenz sei die HVA gewesen, was die Durchdringung der westdeutschen Geheimdienste letztlich auch beweist. Nach eigenem Verständnis galt die HVA als „saubere“ Abteilung. Erfolgsrezept dafür sei beipielsweise gewesen, weniger auf Geld als vielmehr auf die Überzeugung der Angeworbenen gesetzt zu haben. Nicht ohne Stolz wir auch darauf verwiesen, daß der von Markus Wolf ins Leben gerufene Geheimdienst sich aus der intellektuellen Elite der DDR rekrutierte. Gorbatschows Glasnost- und Perestroikadenken ist unter den Experten der HVA schon früh auf fruchtbaren Boden gefallen. Nur, bedauern die ehemaligen Mitarbeiter, habe eine ignorante und senile Parteiführung die Signale für notwendige gesellschaftliche Reformen ignoriert.
Der Mythos HVA wird von den ehemaligen Stasi-Auflösern und Bürgerrechtlern aus der Ex-DDR allerdings nachhaltig in Zweifel gezogen. Wenn es darum ging, Personen einzuschätzen oder anzuwerben, hat die „Aufklärung“ ebenso den Lebensweg der Betroffenen ausgeforscht und nach regimekritischem Verhalten bewertet. Bei „Operativen Vorgängen“ hat die saubere HVA zudem mit nicht ganz so sauberen Abteilungen des Mielke-Ministeriums zusammengearbeitet. Drei zu eins schätzt beispielsweise der Stasi-Auflöser Reinhardt Schult, habe das Verhältnis von reiner „Auslandsaufklärung“ zur nach innen gerichteten Arbeit betragen. Beteiligt war die HVA auch an der Beschaffung von Embargowaren, die der Westen der DDR via Cocom-Liste vorenthielt. Die HVA agierte dabei mittels Tarnfirmen, die offiziell den Antiquitätenhandel mit dem Ausland abwickelten. Verscherbelt wurde dabei auch, was Ausreise- und Übersiedlungswilligen zu einem Spottpreis abgepreßt wurde.
Der Mythos HVA verfängt auch insoweit nicht, als sich die Mitarbeiter als selbsternannte Elite begreifen. Weder zur Staatssicherheit im allgemeinen, noch zur HVA im besonderen konnte man sich bewerben. Die Kandidaten wurden berufen, und wer in welcher Abteilung des Stasi-Kraken Karriere machte, bestimmte ausschließlich die Kaderabteilung. Wolfgang Gast
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