■ Südkoreas Sekten verschieben Weltuntergang auf später

Jesus kam nicht nach Seoul

Seoul (taz) – Jesus tat wahrscheinlich gut daran, die Einladung der Weltuntergangspropheten zu seiner zweiten Wiederkehr ausgeschlagen zu haben. Denn sonst hätte ihn der baumlange Chefmoderator des koreanischen Fernsehens sicherlich vor lauter Aufregung zerdrückt. Keiner fährt heute in den Himmel auf, nur der Lulatsch von Anchorman schwebt empor, mit Hilfe kräftiger Hände, und erreicht ein kleines Kirchenfenster im zweiten Stock, wo ihm ein Sektenanhänger etwas zuruft.

Hunderte von Fotografen, Kameraleuten und Reportern umlagerten Mittwoch nacht die Tamisan-Kirche in Seoul, wo 1.300 Gläubige der „Mission fürs Jüngste Gericht“ die Stunde Null erwarteten. Über 180 Kirchen in ganz Südkorea mit fast 9.000 Anhängern hatten nämlich für den 28.Oktober um Punkt 24Uhr die zweite Rückkehr Christi vorausgesagt.

Im Stadtviertel Shinchon ist Mitternacht längst vorbei, und noch immer dringt der klagende Gesang der Gläubigen nach draußen. Dann öffnet sich plötzlich das schwere Eisengitter der Kirche. Kameras werden in Position gebracht, und die ersten Sektenanhänger stürzen durch ein engmaschiges Polizeispalier unter Blitzlichtern und Scheinwerferlicht ins Freie – mit langen Gesichtern, enttäuscht und todmüde.

„Als 15 Minuten nach Mitternacht immer noch keiner in den Himmel aufgenommen wurde, fingen einige an zu weinen“, sagt Lee Pyong II. „Aber ehrlich gesagt, ich hatte ohnehin meine Zweifel, daß die Prophezeiung eintritt.“ Andere sind frustriert und wollen in Zukunft mit dem Geschwafel der Sekten nichts mehr zu tun haben.

Prediger Chang Man Ho, der seine Anhänger noch bis Mitternacht auf das bevorstehende Ende eingepeitscht hatte – „Jesus, Moses und Abraham werden schon bald zu uns kommen, jeeh“ – entschuldigte sich bei den Gläubigen für den Reinfall. Doch der Tag des Untergangs, tröstet er, werde irgendwann doch kommen.

Draußen vor der Kirche hat die Polizei allerhand zu tun, sie gibt es zumindest vor. Mehrere Hundertschaften Krankenwagen und Feuerwehrautos wurden in dieser Nacht vor der Tamisan-Kirche postiert, zum Schutz der Gläubigen und um Schlägereien mit Sektengegnern zu vermeiden. Mehrere Tausend Schaulustige, Verwandte und Angehörige der Gläubigen stehen hinter Absperrungen und starren gebannt auf das Kirchengelände. Denn für „the day after“ fürchtet die Polizei extreme Aktionen wie Selbstmordversuche von einigen fanatischen Kultanhängern. Doch die Vorsicht schien übertrieben und hat das ganze Ereignis erst recht zu einem Medienspektakel ohnegleichen gemacht.

Die „Stunde der Wahrheit“ jedenfalls vergeht, ohne daß sich größere Zwischenfälle ereignen. Vor der Tamisan-Kirche in Shinchon hat sich ein junger Mann indes eine etwas ungewöhnliche Protestaktion ausgedacht. Auf dem Dach eines Krankenwagens führt er einen Strip gegen den Sektenkult vor. Als er sich auch seiner Unterhose entledigen will, wird der erste streaker Südkoreas von der Polizei überwältigt. Peter Lessmann