: Ein Bilderwald voller Erinnerungen
■ „Life stories“: eine Ausstellung zu Lebenswegen in Hamburg und London Von Torsten Schubert
„Life stories - Lebenswege in London und Hamburg“, heißt eine Ausstellung im Stadtteilarchiv Ottensen, die am Sonntag in der ehemaligen Drahtstiftefabrik eröffnet wurde. Ältere Menschen aus London und Hamburg haben ihre persönlichen Schatztruhen geöffnet.
Gleich am Eingang hängen 71 Photos in Kopfhöhe von der Decke. Wie ein Mobile wirken die historischen Bilder, durch die jeder Besucher hindurch muß - eine direkte Berührung mit der Geschichte. Urlaubsbilder, Hochzeitsphotos, Militärpostkarten. Auf dem Betonboden sind dazu mit weißer und schwarzer Farbe Daten der Weltgeschichte geschrieben: Die Weltkriege, die Gründung von DDR und BRD 1949, der Fall der Mauer und die rassistischen Übergriffe von Rostock, Mölln und Solingen.
„Den subjektiven Geschichten stehen die Ereignisse der Weltgeschichte gegenüber“, erklärt Elisabeth von Dücker vom Museum der Arbeit. Maria Beimel, Leiterin der Ausstellung, ergänzt: „Das sind die Stolpersteine, über die viele Lebenswege gefallen sind.“ Die Arbeit wird vom Kulturfonds der Europäischen Gemeinschaft im Rahmen des „European year of older people“ gefördert. Beteiligt sind Hamburger Seniorengruppen aus Barmbek und Ottensen. Die Londoner kommen aus dem Stadtteil Bermondsey. Seit 1992 gibt es den Kontakt, der durch das Frauenwandbild am Hafen entstanden ist. Eine der zentralen Fragen bei den Begegnungen war: „Warum haben wir eigentlich gegenseitig aufeinander geschossen? Wir müssen verrückt gewesen sein.“
Symbol für die heutige Freundschaft ist der Stoffhund „Scottie“. Er gehörte Lil Patrick, die ihn in den 40er Jahren von den Eltern eines über Deutschland abgeschossenen Freundes bekam. Beinahe ihr ganzes Leben hat sie ihn als Erinnerung behalten. Nun steht der schwarze Terrier als Geschenk in einer Vitrine. In einem Brief hat Lil Patrick seine Geschichte aufgeschrieben.
Begeistert von seinen neuen Freundschaften in Hamburg ist Albert Longbon. Der heute 68jährige Brite war 1945 als Soldat für sechs Monate in Nürnberg. „Eine schreckliche Zeit“, erinnert er sich. Er mußte die Gefangenen bewachen, die dann vor das Nürnberger Tribunal gestellt wurden. Von ihm hängt ein Photo im Bilderwald, auf dem er 18 Jahre ist, Uniform und Gewehr trägt. Auch sein Soldbuch, Rangabzeichen und einen Seesack hat er beigesteuert. „Nach dem Krieg habe ich in einer Brauerei gearbeitet. Die hat aber schon lange dicht gemacht.“ Herzlich umarmt er zwei deutsche Frauen und macht Aufnahmen mit der Videokamera.
Die Ausstellung „Life stories“ ist bis zum 21. Februar 1994 in der Zeißstraße 28 zu sehen. Öffnungszeiten: Mo-Mi 9.30-13 Uhr und 14-16.30 Uhr, Do 9.30-13 und 14-19 Uhr. Begleitet wird sie von Veranstaltungen, über Termine informiert das Stadtteilarchiv unter Tel. 390 36 66.
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