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Weißlich verschleierte Pupillen

■ „Mit klarem Blick. Hamburger Malerei im Biedermeier“: Eine Ausstellung in der Kunsthalle

Im Garten flattern Schwälbchen, daneben sind Rechen und Gießkanne drapiert. Licht- und Schattenspiele auf jedem Blatt, kein Krümel verunziert den gepflegten Boden. Den Besuchern der Ausstellung in der Kunsthallewird mit auf den Weg gegeben, daß die hiesige Malerei im Biedermeier gekennzeichnet ist durch „den scharfen Blick des bürgerlichen Individuums“, der „in der Verkleidung der Zeit die Sachlichkeit, die Umweglosigkeit, die Alltäglichkeit“ entdeckt.

Demnach war der Alltag bestimmt durch in Purpur tauchende Sonnenuntergänge, schweinchenrosa Kinderbäckchen und ältere Herren, die es sich mit Pfeife, wollenem Hausmantel und unvermeidlicher Schlafmütze bei einem Buch gemütlich machen.

Die gute alte Zeit wird gezeigt, die Geschlechterrollen noch klar verteilt, die Natur unzerstört. Glaubhaft sind die Bilder, auf denen nicht mehr komponiert und heroisiert, sondern beobachtet und geschildert wird.

Sieben Werke von Künstlern, die zu den hervorragenden Hamburger Malern im Biedermeier zu rechnen sind, und einige Bilder anderer Maler bilden einen Ringelreihen der Bescheidenheit, Rechtschaffenheit und Heimatliebe.

Julius Oldach malte mit Vorliebe alte Damen, Tanten, Mütter, all die, die schon unter der mit Spitzen und Schleifen reich verzierten Haube waren. Doch auch die erschreckenden Seiten des Dokumentarischen offenbaren sich. Zum Beispiel in dem Bildnis eines blinden Jünglings in seiner beklemmenden Morbidität. Nicht mit geschlossenen Augen, sentimental oder mitleidheischend, sondern nüchtern und sachlich stellt das Portrait die weißlich verschleierten Pupillen zur Schau. Auch das bekannteste Gemälde von Victor Emil Janssen beeindruckt durch kränklich beschämende Nacktheit. Ein Selbstportrait des damals 22jährigen. Blaß, mit gekrümmtem Rücken und vorgewölbtem Unterbauch, steht er an der Staffelei, blickt über die Schulter dem Betrachter direkt ins Gesicht. Sein knochiger, faltiger Körper alles andere als jugendlich frisch, gekennzeichnet von einer beginnenden Knochentuberkulose.

Neben Bildnissen brachte das Biedermeier vor allem zahlreiche Landschaftsdarstellungen hervor. Die meisten Bilder sind immer in der Kunsthalle zu sehen, wer sich also der Beschaulichkeit des zu neuem Selbstbewußtsein erwachten Bürgertums widmen möchte, kann das zu jeder Zeit tun, nur nicht so geballt in ganzer Breite und Fülle. Aber da sich seit 1925 niemand mehr eingehend mit dem Thema beschäftigen mochte, findet die Kunsthalle es an der Zeit, diese „unverwechselbare Erscheinung in der deutschen Kunstgeschichte, jenen Moment, in dem sich eine ganze Schar junger Künstler mit Sachlichkeit auf die Spur der Schönheit des Alltäglichen in ihrer Zeit machte“, zu vergegenwärtigen.

Ilka Fröse

bis zum 29. Dezember, Kunsthalle

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