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Kinder körperlich und seelisch gequält?

■ Eltern und Erzieher belasten Kita Alter Teichweg / Jugendamt prüft Schließung

Dulsberg hat einen neuen Krisenherd: das Kindertagesheim des Vereins Familienergänzende Erziehungshilfe, kurz FAM, am Alten Teichweg 183. Nachdem zunächst Eltern über den Stadtteilbeirat massive Vorwürfe erhoben – so sollen Kinder zum Aufessen von Erbrochenem gezwungen und als Strafe kalt geduscht worden sein – liegt jetzt auch ein Brief ehemaliger Mitarbeiter vor, die die Heimleitung belasten. Das Amt für Jugend prüft nun gar, ob dem Träger die Betriebserlaubnis entzogen wird.

„Ich durfte mit den türkischen Kindern nicht türkisch sprechen“, berichtet die ehemalige Praktikantin Sultan Keles. Auch seien Strafaktionen wie Ohrenziehen, Schubsen, Schütteln und Bloßstellungen vor anderen Kindern „ganz normal“ gewesen. Zusammen mit zwei ehemaligen Kita-Mitarbeitern prangert Keles vor allem den strengen Tagesablauf an. So würden die Kinder gezwungen, von 11 Uhr 15 bis 11 Uhr 30 auf die Toilette zu gehen und hätten danach bis zur Mittagspause keine Gelegenheit mehr dazu. Kinder, die dennoch das Bedürfnis äußerten, würden vor anderen Kindern erniedrigt und beschimpft. Trinken außerhalb der Mahlzeiten sei nicht gestattet. Auch würden die Kinder zwangsgefüttert, wenn sie ihr Essen nicht mögen – auch mit Erbrochenem.

„Wir sind total fertig“, sagt Heimleiterin Gerda Klisch, die die Vorwürfe nahezu vollständig abstreitet. Lediglich die Aufforderung an die Kinder, Deutsch zu sprechen, räumt sie gegenüber der taz ein. Das hätten aber auch die Mütter, mit Ausnahme der türkischen, so gewollt. In den öffentlichen Anschuldigungen sieht Klisch eine Racheaktion eben dieser Gruppe, gegen die der Kita-Anwalt derzeit rechtliche Schritte einleite.

Martin Körber vom Dulsberger Stadtteilbeirat glaubt nicht an diese These. Anders sei nicht zu erklären, daß es auch bei umliegenden pädagogischen Einrichtungen seit längerem Vorbehalte gegen die Kita FAM gebe. „Dieser Träger ist in eine Isolation geraten, die ihn kaum in die Lage versetzt, Konflikte zu bewältigen“, sagt auch Jürgen Näther vom Amt für Jugend. Der Aufsichtsbeamte will binnen 14 Tagen die Vorwürfe prüfen und dafür mit Kritikern und Kita-Leitung ein Gespräch führen, das „auch den Charakter von Gegenüberstellungen“ haben soll. Näther sieht im Zwang zu Toilettengang und Nahrungsaufnahme Methoden, „die Grenzen zu körperlicher Gewalt überschreiten“. Sollte dies von mehreren Erziehern bestätigt werden, „dann reicht es nicht, wenn die Heimleitung sagt, das stimmt alles nicht“.

Kaija Kutter

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