: Tote Telefonleitung
■ Schwules Überfalltelefon stellt Arbeit wegen „mangelnder Unterstützung“ ein
Seit gestern sind die Leitungen des schwulen Überfalltelefons in Hamburg tot. Das Projekt hat seine Arbeit eingestellt. Zwei Jahre nach dem Start des vom Schwulenverband in Deutschland am Christopher-Street-Day 1996 initiierten Projektes geben die ehrenamtlichen Mitarbeiter auf. Ihnen fehle Geld für Öffentlichkeitsarbeit, bemängeln sie. Und weil die Werbung fehle, wisse kaum jemand von dem Angebot. Die Folge: Es rufen immer weniger Ratsuchende an.
Erst einmal wurde für das Überfalltelefon die Werbetrommel gerührt. Zum Start des Projektes am 7. Juni 1996 warb der Schwulenverband gemeinsam mit der Polizei – auf Kosten der OrdnungshüterInnen. Plakate, Aufkleber und Infostände gegen antischwule Gewalt sollten damals auf die Beratung aufmerksam machen. Mit Erfolg: In den ersten 100 Tagen gab es unter Tel.: 192 28 rund 40 Anrufe; fast alle Hilfesuchenden waren Opfer von Gewalttaten geworden. Mittlerweile „kriegen wir nur noch einen Anruf in zwei bis drei Monaten“, sagt Reinhard Saß, einer der Organisatoren und Mitarbeiter des Schwulenverbands. Immer wieder haben er und seine Kollegen öffentliche Unterstützung beantragt – vergeblich.
Farid Müller, schwulenpolitischer Sprecher der GAL in der Bürgerschaft, findet es „unverantwortlich von der Stadt Hamburg, hier nicht tätig zu werden. Innere Sicherheit gilt schließlich auch für Schwule und Lesben.“ Seine Partei hat schon mehrmals Geld für das Überfalltelefon beantragt, zuletzt bei den Haushaltsberatungen im Mai. Erfolg hatten die Grünen nicht.
Dabei werden ähnliche Projekte in anderen Großstädten durchaus öffentlich finanziert. Folglich sind sie besser ausgestattet und können mehr leisten, so Saß: „In Berlin beispielsweise rufen etwa 300 Menschen im Jahr an.“ Das zeige, wie wichtig die Initiativen seien.
In Hamburg soll der Senat unter Federführung des Senatsamtes für die Gleichstellung bis Ende des Monats einen Bericht erarbeiten, der sich mit Gewalt gegen Homosexuelle und Diskriminierung befaßt. Das haben GAL und SPD gemeinsam beantragt. Wenn dieser Bericht vorliegt, hofft Reinhard Saß, „besteht vielleicht doch noch die Möglichkeit, Geld zu bekommen.“ Susanne Hericks
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