: The Chicago Klezmer Ensemble
Sweet Home Bukovina – Notes From A Musical Journey (Oriente Rien CD 13)
Bis vor ein paar Jahren galt Klezmermusik als im Verklingen begriffene Gattung. Es war der Heimweh-Blues einer letzten Generation von jüdischen Einwanderern in Amerika, deren Erinnerung an die verlorene Heimat des Schtetls in den alten Melodien fortlebte. In den 70er Jahren kam die Rettung. Junge Musiker begannen, sich für ihre Wurzeln zu interessieren, und entdeckten die jiddische Hochzeitsmusik neu. Seitdem erlebt der Stil ein Revival von beinahe globaler Dimension. Weltweit wurde noch nie so viel Klezmermusik gespielt wie heute.
Das Chicago Klezmer Ensemble, gegründet 1984, zählt zu den kompetentesten Vertretern des Genres. Das Quintett um den Multiinstrumentalisten Kurt Bjorling gräbt tief in die Vergangenheit hinein und förderte Klänge zu Tage, die durch die Transplantation der jüdischen Musik nach Amerika verloren schienen. Die Gruppe orientiert sich an frühen musikologischen Aufzeichnungen, verstaubten Manuskripten und zerkratzten Schallplatten wie den zwei Dutzend Aufnahmen des Rumynskii Orkestra Bel'fa (= Belfs Rumänisches Orchester) aus Bukarest von 1910 oder den Transkriptionen des jüdisch-ukrainischen Musikforschers Moyshe Beregovski vom Ende der 20er Jahre aus Kiew. Damals existierte dort schon keine aktive Klezmerband mehr, so daß die jiddischen Musikanten für Beregovski die alten Melodien aus dem Gedächtnis hervorkramen mußte.
Die Quellen offenbaren einen Klezmerklang, der durch die jahrhundertelange Okkupation Südosteuropas durch das Ottomanische Reich eine orientalische Färbung aufweist. Das Chicagoer Klezmer Ensemble hat diese Spielweise genau studiert und sich das Vokabular und die Gesten der Musik angeeignet. Töne werden gebogen und gezogen, es wird virtuos ornamentiert und mit viel Spielwitz kontrapunktisch wild durcheinander musiziert. In jeder Melodie leuchtet das Licht der alten Welt, in der Tanzmusik und Spiritualität noch eine Einheit bildeten.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen