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Tumbe Ritter, schöne Melodien

■ Das Schmidts präsentiert mit Le Cirque Offenbach seine zweite Operette im Tivoli

„Wenn die Operette eine Heimat hat, dann am Spielbudenplatz“, erklärt Wolfram Kremer, während er an der filterlosen Gitanes zieht, die einem schon beim Zusehen die Bronchien aus der Lunge haut. Aber schließlich gehen die Proben für das zweite Operettenprojekt des Schmidt's gerade in die heiße Endphase. Zusammen mit dem Weißen-Rößl-erprobten Musiker Martin Lingnau studiert der frühere Kampnagel-Chef seit sechs Wochen den selbstkonzipierten Einakter-Sampler Le Cirque Offenbach ein. Drei bisher kaum bekannte Kurz-Operetten von Jacques Offenbach hat Kremer ausgegraben, und damit die simplen Geschichten mit der unbekümmerten Musik nicht allzu nackt und dürftig auf der Bühne stehen, hat er ihnen eine Rahmenhandlung verpaßt.

Spritzig, lustig und hitzig soll es in diesem Musikzirkus zugehen, der vor dem Hintergrund der nervösen Gründerzeit einen Blick in Offenbachs Komponier-Werkstatt wirft. „Wir zeigen, wie Offenbach gerade die drei Operetten probt, die Schauspieler rumkommandiert und nebenbei noch schnell komponiert“, erläutert Kremer.

„Die Probleme, die er damals hatte, sind ja gar nicht so weit weg von uns. Sein Privattheater lief nicht gut, er mußte ständig Auftragskompositionen annehmen, um sich über Wasser halten zu können.“ Das wird Corny Littmann gefallen, der im aktuellen Programmheft ja ausführlich über Glanz und Elend des Privattheaters siniert. Für Wolfgang Kremer ist es nicht die erste Offenbach-Inszenierung. Als er 1977 Regieassistent am Schauspielhaus war, hat er La Pericole einstudiert und seitdem hat ihn der Pariser Operettenkönig nicht mehr losgelassen.

Im letzten Sommer wühlte er sich durch das Offenbach-Archiv in der Pariser Nationalbibliothek und suchte Kurzstücke für sein Projekt. „Ich hatte Manuskripte in der Hand, die seit 1852 niemand mehr angefasst hatte“, erinnert sich Kremer.

Übriggeblieben sind drei Stücke, die selten oder gar nicht aufgeführt wurden: Abendwind, Eisenknacker und Tromb-Al-Ca-Zar, muntere Abenteuer tapferer und tolpatschiger Ritter – als hätte Offenbach schon im voraus Wagner parodiert. Alle drei Stücke hat Kremer sprachlich aufgepusht und die angestaubten Übersetzungen durch eigene ersetzt. „Daß die Operette so abwertend betrachtet wird, liegt ja auch an der miserablen Aufführungspraxis“, glaubt Kremer. „Dabei ist sie für die Musik das, was die Komödie fürs Theater ist, und hat genausoviel Liebe und Aufmerksamkeit verdient.“

Und so wirds ein launiger Operettenabend werden, wenn der Cirque Offenbach am Sonnabend Premiere hat. Mit viel Klamauk, Slapstick und unbekümmerten Melodien – und dem Quentchen Ironie, ohne das man bei aller Liebe zum kleinen Musiktheater heute keine Operette mehr inszenieren kann.

Oliver Fischer

Ab Sonnabend, 20 Uhr, Tivoli

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