: „Die Altersgrenze wirkt entlastend“
Der Zwang zur Rente erleichtert den Wechsel in Führungspositionen, sagt der Altersforscher Martin Kohli. Doch langfristig muss das Pensionsalter mit der Lebenserwartung steigen
taz: S ollten 70-Jährige in unserer Gesellschaft noch Führungsposten bekleiden?
Martin Kohli: Sie sollten es tun dürfen, aber es sollte nicht die Regel sein.
Was spricht dagegen?
Gerade in Spitzenpositionen garantiert die Altersgrenze einen regelmäßigen Wechsel. Sie versachlicht diesen Wechsel, von den Personen weg auf allgemeine Prinzipien. Insofern hat sie für Unternehmen oder Organisationen eine entlastende Wirkung. Auch für den Betroffenen selber: Es kommt nicht zu einer Diskussion über seine geistigen oder körperlichen Fähigkeiten.
Die Altersgrenze wird sehr unterschiedlich gehandhabt – in der Wirtschaft sehr strikt, in der Politik weniger. Woran liegt das?
Im Bundestag sind nur wenige Abgeordnete älter als 65 Jahre. Da gibt es auch in der Politik ein stillschweigendes Einverständnis. Alles andere sind Ausnahmen.
Kommt es oft vor, dass sich jemand gegen die Pensionierung sträubt, oder sind die meisten froh, die Pflichten los zu sein?
Die meisten sind froh – sofern sie im Ruhestand genügend Geld und gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten haben. Nur bei Spitzenpositionen sieht es anders aus, weil das Ausscheiden einen Verlust an Macht, Ressourcen und Privilegien bedeutet.
Sind ältere Menschen körperlich und geistig noch in der Lage, solche Aufgaben zu erfüllen?
Das ist individuell unterschiedlich. Im Mittel hat sich aber nicht nur die Lebenserwartung verlängert, auch der Gesundheitszustand der Älteren hat sich verbessert.
Muss man deshalb die Altersgrenze anheben?
Längerfristig wird es dazu kommen. Kurzfristig wird das vom Arbeitsmarkt aber nicht getragen.
Wo würden Sie längerfristig das Rentenalter sehen?
Auf eine Zahl will ich mich nicht einlassen. Die Revolution der Langlebigkeit ist sicher noch nicht zu Ende.
Andererseits gibt es den Trend, jüngere Führungskräfte zu berufen. Auch an den Unis wird diskutiert, das Berufungsalter für Professoren herabzusetzen.
Für die Universitäten würde das nur bedeuten, dass man von dieser extremen Veralterung der letzten Jahrzehnte zurück zu normaleren Zuständen kommt.
Interview: Ralph Bollmann Martin Kohli lehrt Soziologie an der Freien Universität Berlin.
Umverteilung gegen rechts
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