: WHY?
■ Neu im Kino: Der ergreifende Filn „L'Humanité“ von Bruno Dumont erzählt die Geschichte eines brutalen Mordes
Die Großaufnahme eines Gesichts mit traurigen Augen, in denen sich die Trostlosigkeit, Banalität und Bosheit des alltäglichen menschlichen Lebens spiegeln: Dies ist das zentrale Bild in Bruno Dumonts Film mit dem nicht gerade bescheidenen Titel „L'Humanité“. Der naive, scheue und melancholische Kleinstadtpolizist Pharaon (Emmanuelle Schotté) blickt mit diesen Augen auf die enge, graue Welt in der nordfranzösischen Provinz, und der Regisseur mutet den ZuschauerInnen viel zu, indem er zeigt, was diese Augen sehen.
Gleich zu Beginn ein Schock, der die Grundstimmung für die 148 Minuten des Films setzt: Ein kleines Mädchen ist brutal ermordet worden, und wir sehen seinen nackten, geschundenen Körper mit der blutigen Vagina. „Wie können sich Menschen so etwas antun?“ fragt Pharaon und sucht für den Rest des Films den Mörder. Aber nicht etwa wie in einem Krimi, der am Schluss ja den Trost des gelösten Falls bietet, sondern als eine mühsame Trauerarbeit, die ihn aufreibt.
„Das mögliche Ende der Welt“ nennt Dumont das Bild des jungen Opfers. Dass er hier das berühmte Skandalbild von Courbet „Ursprung der Welt“ zitiert, merkt man spätestens, wenn die Nachbarin (Séverine Caneele), in die Pharaon unglücklich verliebt ist, in der gleichen Position wie auf dem Gemälde ihr Geschlechtsteil zeigt. Aber mehr als mit diesen Tabubrüchen schockiert Dumont dadurch, dass er sich dem Unterhaltungsbedürfnis der ZuschauerInnen radikal verweigert. Er erzählt keine zusammenhängende Geschichte. In langen Einstellungen gelingt es ihm virtuos, gerade keine Spannungsbögen aufzubauen. Und in Cinemasscope hat er offensichtlich nur gedreht, um die dumpfen Stimmungen der flandrischen Landschaften und lethargischen Menschen noch intensiver in ihrer Unwirtlichkeit und Banalität einzufangen.
Der Film ist eine Zumutung, aber seltsamerweise wird man doch schnell in ihn hineingezogen. Seine radikale Weltsicht ist in sich so geschlossen und überzeugend, dass man sich, wenn auch zuerst vielleicht mit Widerwillen, bald tief auf den Film einlässt. Vielleicht weil Dumont mit dem Polizisten Pharaon solch einen liebenswerten, verletzlichen und unschuldigen Protagonisten geschaffen hat, der zu jeder tristen Szene, jeder gedankenlosen Boshaftigkeit die menschliche Gegenposition verteidigt.
Gerade in seiner Ohnmacht, gerade dadurch, dass er als Polizist eher mittelmäßig arbeitet, identifiziert man sich unwillkürlich mit ihm. In der beeindruckendsten Szene des Films schreit er sich an einem Bahndamm die Seele aus dem Leib und wird dabei vom vorbeirasenden Hochgeschwindigkeitszug übertönt.
Natürlich wandelt Dumont mit solchen Metaphern hart an der Grenze zum Pathos, aber die ganz eigene Szenenführung, bei der in jeder Sequenz ein menschlicher Gefühlszustand essenziel ausgelotet wird und die zugleich distanzierte und intensive Arbeit der Schauspieler verhindern jedes Abgleiten in Larmoyanz.
1999 sorgte „L'Humanité“ auf den Filmfestspielen in Cannes für einen Skandal, aber die Jury unter (dem ähnlich radikalen Filmemacher) David Cronenberg traute sich etwas und verlieh ihm den großen Preis der Jury und die Preise für den besten Darsteller und die besten Darstellerin. Wilfried Hippen
Kino 46, 20.30 h bis 24.6.; Institut Francais, 20 h, 26.-28.6.; OmU
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