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Anni Friesinger in aller Munde

Die Eisschnellläuferin gewinnt zum Weltcup-Auftakt das erste Mal über 3.000 Meter

Der Inzeller Clan redet nicht lang drum herum. „Natürlich ist die Anni die Nummer eins im deutschen Eisschnelllauf“, sagt ihr Trainer Markus Eicher. Anni Friesinger hat zum Weltcup-Auftakt am Sonntag in Berlin über 3.000 (4:08,44 Minuten) und 1.500 Meter (1:57,86) gewonnen und ihre wichtigsten Konkurrentinnen aus dem eigenen Verband hinter sich gelassen. Die Berlinerin Claudia Pechstein kam am Samstag nach drei Kilometern 1,25 Sekunden später als Zweite ins Ziel. Und Sprinterin Sabine Völker aus Erfurt kam über 1.500 Meter in 1:58,30 auf Platz drei.

Anni Friesinger, 23, bayerische Mehrkampf-Weltmeisterin, hat einen ehrgeizigen Plan. Bei den olympischen Winterspielen in Salt Lake City im Februar möchte sie vier, vielleicht sogar fünf Strecken laufen, von 500 bis 5.000 Meter. In Berlin gewann sie zum ersten Mal einen Weltcup über drei Kilometer. „Ein paar mal im Jahr werd' ich schon noch oben auf dem Stockerl stehen“, kündigte Friesinger an und löste damit bei den Kolleginnen wenig Begeisterung aus. „Da gibt es schon ein bisschen Neid“, räumt Eicher ein, zumal Friesinger vor Saisonbeginn deutliche Kritik geübt hatte.

Unter dem Trainingssystem der Laufgruppen in Erfurt, Berlin oder Chemnitz würde sie „eingehen“. Die Strukturen im Osten seien verkrustet, die Sportler autoritätshörig, die Methoden der DDR-Schule entlehnt, kritisierte Friesinger. „Wir können ganz gut damit leben“, erwiderte Pechsteins Trainer Joachim Franke am Wochenende auf die Vorwürfe. „Außerdem ist in Ausdauersportarten niemand gefeit vor Monotonie, auch Anni nicht.“ Und weiter: „Dieser Weltcup ist nicht Olympia.“ Es gehe lediglich darum, Wettkampfhärte zu simulieren und Geschwindigkeit zu entwickeln. Mehr nicht.

Claudia Pechstein bemühte sich, ihren Lauf nicht als Niederlage zu werten. „Ich bin zufrieden, ganz ehrlich. Ich bin Zweite geworden, aber ich freue mich trotzdem.“ Sabine Völker wollte schon gar nicht an der gefestigten Hierarchie des deutschen Eislaufs rütteln. „Ich will nur mein Potenzial ausschöpfen“, sagte sie. Völker ist ohnehin auf die Kurzstrecke spezialisiert.

„Blond, drall, frech – und bald Olympiasiegerin?“, charakterisierte kürzlich eine Boulevardzeitung Friesinger und zeigte sie freizügig mit bierdeckelgroßem Bauchtattoo. Klaus Kärcher, ihr Manager, findet so etwas imagefördend. Es führe zur „Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit“. Claudia Pechstein hätte ganz gern ein Stück davon ab. Doch derzeit fokussiert sich das Interesse auf Friesinger. „Sie ist in aller Munde“, weiß ihr Trainer.

MARKUS VÖLKER

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