zwischen den rillen

Herrn Regeners Band: Weise mit Element Of Crime

Die Dinge, die uns umgeben

Das war ein mittlerer Schock, anno 1987. Ich stöberte wie jede Woche die Plattenfächer durch und plötzlich sah ich da diesen Typen mit Schnee an den Schuhen und dem Grobstrickpullover an der Wand von „Joyces’s Cafe“ irgendwo in London stehen. Try to be Mensch hieß die Platte von Element Of Crime. Es war die zweite der Band, noch mit englischen Texten. Die erste, die ein wenig mehr Aufmerksamkeit fand. Immerhin war sie ja von John Cale produziert. Und dieser Typ auf dem Cover, das war Sven Regener, von dem wir, nachdem er unsere Schule Richtung Berlin verlassen hatte, nichts mehr gehört hatten. Die Platte musste ich kaufen, immerhin hatte ich Sven früher auch immer diese witzige, hoch politische Wochenzeitung abgekauft, die er vor der Schule anbot. Massenwirkung war schon damals sein heimliches Ding. Jetzt hatte Sven sogar einen Vertrag mit einer richtig großen Plattenfirma ausgehandelt. Obwohl keine Sau Element Of Crime kannte. Ein Kontrakt mit der „Industrie“, damals zu Independent-Hochzeiten, war fast Verrat.

Wenn die Band des Schultrompeters Regener damit etwas bewies, dann war es eine ganz besondere Art der Unabhängigkeit. War dieser Neu-Berliner sogar unabhängig von den Unabhängigen?

Es ist gut gegangen. Sven Regener segelt auf einer Welle der Sympathie. In Interviews gibt er unumwunden zu, dass es seine Band von Beginn an leicht bei den Medien hatte. Gut, man hatte wenig Airplay, man kam erst nach diversen Alben erstmals in die Charts. Die Konzerte aber wurden immer größer, die Fanschar wuchs und Regener musste nie den doofen August für Viva oder MTV mimen. Die Band hat eben keine Lust auf Videos. Punkt. Regener zog sein Ding durch, im Sommer sah man ihn im Kreuzberger Prinzenbad rumlümmeln, das „Mehrzweckbecken“ kommt sogar in einem seiner Songs vor.

Jetzt hatte er das Glück, dass die Popmusikkritiker und Ranicki sein Buch mochten. Seine Platte werden nun auch Leute kaufen, die von Musik keinen Schimmer haben. „Herr Lehmann“ verkauft sich richtig gut, Regener freut sich darüber und hat auch kein Problem damit, wenn Frauenzeitschriften sein Buch für Gabentische freigeben. Natürlich darf auch die neue Platte daneben liegen. Früher wäre allein das Bekenntnis, Weihnachten zu feiern, nicht gerade passend für einen Rocksänger gewesen.

Bei ihm hat man das angenehme Gefühl, er habe den Stress der jungen Jahre hinter sich gelassen. „Früher war ich klug“, singt Regener. „Bring den Vorschlaghammer mit, wir hauen alles kurz und klein“, trällert er fröhlich, und seine Band rumpelt und pumpelt dazu. Es zirpt hier und da, alles sehr spar-, aber sorgsam zusammengefriemelt. „Der alte Schrott muss raus, neuer Schrott muss rein“. Das geht fast als Altersweisheit durch. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, und die Sachen, die wir manchmal recht vehement vertreten, sind bei all der Liebe zu ihnen nicht wirklich von Dauer. Manchmal heißt es einfach Zeug wegwerfen. Aber so richtig mit großen blauen Müllsäcken. Eine Methode, die gut auch gegen allzu viel Melancholie und trübsinnige Starrerei in den Regen hinterm Fenster taugt. Dieser Blick in den „halben Mond“, diese Freunde, die „im Regen stehen“ und dabei den Garten umgraben, „in dem die Illusion blüht“, das sind die fiktiven Figuren, die unser Sänger in seinen Songträumen herbeizitiert. Ein Illusionist?

Wenn die Identität stiften geht oder sich einfach nicht so stabilisieren und ausbilden will, wie wir es gern hätten, dann ist Wach-Traumdeuter Regener gefragt. Nicht nur Herr Lehmann will nichts Großes vom Leben. Das ist die richtige Antwort auf unsere Irrengesellschaft, aber vielleicht auch der Schritt ins Verhängnis. „Wann kommt der Wind, der uns weiter treibt, irgendwohin, wo keine Erinnerung bleibt“.

Manch einer wird die neue von Element Of Crime wieder kitschig finden, uncool, überhaupt nicht nach Diskurspop schmeckend. Wurde die Band je von der ach so superschlauen Spex wahrgenommen? Regener kann das ziemlich egal sein. Vom Hipstertum und klugem Gelaber über die eigene Musik hat er nie gelebt. Vernünftigerweise sieht er, wie auch viele Fans, Element Of Crime nicht mal als „Berliner“ Band. Dieses Markenzeichen braucht es nicht, und es wäre zum Glück auch falsch. So wie Herr Lehmann kein „typischer Kreuzberger“ ist. Regener hat eine Platte gemacht, die sagt, wir haben’s hinter uns. Und wir haben noch einiges vor. „Weil der Himmel sich um deine Augenfarbe dreht“. ANDREAS BECKER

Element Of Crime: „Romantik“ (Motor/Universal)