Sicherheitsbehörden bereiten sich auf die Zeit nach der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 vor. Die Rede ist von 9.000 Einsatzkräften.von Nadine Michel

Auseinandersetzungen wie beim "schwarzen Donnerstag" 2010 will Grün-Rot vermeiden. Bild: dpa
STUTTGART taz | Die Verärgerung bei den baden-württembergischen Grünen über bekannt gewordene Polizeipläne im Zusammenhang mit dem Streit über Stuttgart 21 wächst. Nachdem zunächst öffentlich wurde, dass die Polizei Container aufstellen will, um Demonstranten in Gewahrsam zu nehmen, gibt es nun Berichte über einen sogenannten D-Day.
Der Plan: 9.000 Einsatzkräfte und massiver Zaun sollen das gesamte Areal um den Stuttgarter Hauptbahnhof abriegeln. "Es kann nicht nur das Baurecht der Bahn geschützt werden", mahnt der grüne Landeschef Chris Kühn angesichts dieser Pläne. "Es müssen auch das Demonstrationsrecht und die Versammlungsfreiheit geschützt werden."
Die Wochenzeitung Kontext, die der taz am Samstag beiliegt, hat online berichtet, wie sich die Polizei auf die Zeit nach der Volksabstimmung am 27. November vorbereitet. Dabei könnte es womöglich zum größten Einsatz der baden-württembergischen Polizei kommen.
40 Personen würden sich derzeit um die Szenarien kümmern für den Fall, dass der Tiefbahnhof weitergebaut wird. Dann stünden als Nächstes der Abriss des Südflügels und das Fällen weiterer Bäume an. Beides solle möglichst gleichzeitig und bis zum Stichtag 29. Februar geschehen. Denn dann beginnt wieder die Vegetationsperiode, in der keine Bäume gefällt werden dürfen. Die 9.000 Polizisten sollen in drei Schichten mit je 3.000 Leuten im Einsatz sein. Die Kosten dafür lägen im zweistelligen Millionenbereich. Im Präsidium firmiere der Einsatz unter "D-Day".
Der Sprecher des Stuttgarter Polizeipräsidiums, Stefan Keilbach, dementierte den Kontext-Bericht auf taz-Anfrage nicht. "Da stecken sicherlich Erkenntnisse drin, die nicht ganz weit hergeholt sind", sagte er etwas verschwurbelt. Gleichzeitig betonte er, dass es eine Vielzahl an verschiedenen Planungen und Varianten gebe, schließlich wisse noch keiner, was nach der Volksabstimmung am 27. tatsächlich passiere.
Auch die regierenden Sozialdemokraten halten sich noch zurück. Der Sprecher des Innenministeriums berief sich trotz mehrmaliger Nachfrage nur darauf, keine konkreten Pläne zu kennen. Es gebe zwar Vorbereitungen für den Fall, dass die Bahn weiterbauen will, so der Sprecher. "Aber wir können nicht in die Glaskugel schauen."
Sollten die Pläne umgesetzt werden, würden entsprechende Bilder der Einsätze wahrscheinlich den grün-roten Koalitionspartnern gleichermaßen angelastet. Die Grünen berufen sich inhaltlich noch auf die Position, keinen Einfluss auf die Polizei nehmen zu wollen. "Die alte Landesregierung hat sich in Polizeistrategien eingemischt. Das halte ich persönlich für einen Fehler", sagte Kühn der taz.
Doch der Ärger wird deutlich. Kühn konzentriert seine Kritik auf den Begriff D-Day, der für den Stichtag militärischer Operationen steht. "Ich habe die Befürchtung, wenn dieser Begriff benutzt wird, dass die Pläne an der Realität vorbeigehen." Die Bürgerbewegung sei schließlich immer friedlich gewesen. "Wer den Begriff im Kopf hat, kann nur die Fehler vom 30. 9. wiederholen." Damals führte der Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken zu einer Eskalation im Schlossgarten mit vielen, teils schwer Verletzten.
In der vergangenen Woche hatte bereits der Plan für Kritik gesorgt, Container auf dem Cannstatter Wasen aufzubauen, um dort bis zu 200 Demonstranten in Gewahrsam nehmen zu können. Die Polizei verteidigt diese Pläne mit Platznot, mangelnden Alternativen und mit der Aussicht, dass die Container beheizt und mit sanitären Anlagen ausgestattet seien.
Ein Bürgerdialog in Stuttgart muss verlegt werden, weil sich kaum jemand angemeldet hat. Haben die Leute keine Interesse? Oder ist das Ganze einfach nur schlecht organisiert? von Nadine Michel

Viele Griechen können sich ihr Nationalgetränk nicht mehr leisten, Ouzo-Hersteller kämpfen gegen die Pleite. Und das, wo ein guter Schnaps wichtiger ist als je zuvor. von Jannis Papadimitriou

"Stuttgart 21" ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: Der Kopfbahnhof der Stadt soll durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof komplett ersetzt werden. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen.
Der neue Bahnhof soll Ende 2017 fertig sein, der Probebetrieb 2019 aufgenommen werden. "Das neue Herz Europas" nennt die Bahn das Projekt im Netz. Ein breites Bündnis von Bürgern protestiert allerdings gegen den Umbau. Ihre Argumente: Der Tiefbahnhof sei betriebsschädlich, nicht bahnkundenfreundlich, umweltbelastend und viel zu teuer. Sie haben mit dem Projekt "Kopfbahnhof 21" ihre eigenen Pläne.
Trotzdem wurde der symbolische Baubeginn im Februar 2010 gefeiert, der Nordflügel des Kopfbahnhofs im September 2010 abgerissen. Ein Teil der Bauaufträge vergeben. Eine Schlichtung Ende 2010 schlug mögliche Verbesserungen unter der Bezeichnung "Stuttgart 21 Plus" vor. Das Protestbündnis hält jedoch an dem "Kopfbahnhof 21" fest.
Der Wechsel der Landesregierung in Baden-Württemberg sorgte für einen zeitweisen Baustopp. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Grüne und SPD eine Volksabstimmung, in der die Bürger entscheiden, ob das Land die Co-Finanzierung von "Stuttgart 21" stoppen soll. Sie findet am 27. November 2011 statt.
Finanziert werden soll das Projekt von der Deutschen Bahn AG, dem Bund, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart, dem Flughafen Stuttgart sowie dem Verband Region Stuttgart. Die Bauherren gehen offiziell davon aus, dass "Stuttgart 21" 4,1 Milliarden Euro kosten wird, halten sich aber eine "Risikoreserve" von 400 Millionen Euro zusätzlich offen. Unabhängige Bahnexperten haben allerdings wesentlich höhere Kosten errechnet.
Kita-Ausbau, Betreuungsgeld, Flexi-Quote - nix klappt bei der Familienministerin. Keine Schnute ziehen, Frau Schröder. taz.de hat Vorschläge für andere Aktivitäten.

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.


Leserkommentare
14.11.2011 13:23 | Martin
Es scheint als hätten die lieben Mitbürger in Uniform nun die Qual der Wahl. Entscheiden sie sich vor Ort wie beim letzten ...
14.11.2011 13:00 | Schwäbischer Widerstand
In BW will die Polizei den Bürgerkrieg ausrufen. Internierungslager werden nach chilenischen vorbild ja auf dem Wasen schon ...
12.11.2011 12:14 | Thomas Dahm
Als Bürger von Stuttgart kann man sich dem Verdacht kaum entziehen, dass sich mit Blick auf den Umgang der Polizei mit den ...