Die künftige Regierung in Baden-Württemberg kann sich beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 nicht einigen. Grüne und SPD wollen eine Volksabstimmung – vielleicht.von NADINE MICHEL

Nils Schmid (r., SPD) und Winfried Kretschmann (Grüne) versuchen, beim Thema Stuttgart 21 auf einen Nenner zu kommen. Bild: dpa
STUTTGART taz | Das Bahnprojekt Stuttgart 21 bleibt das schwierigste Thema für die neue baden-württembergische Landesregierung. Gingen die Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und SPD bislang zügig voran, schoben die Unterhändler am Donnerstag Extrastunden - es ging um den Stuttgarter Tiefbahnhof.
"Der Dissens in der Sache ist geblieben", sagte der designierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). "Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind", erklärte SPD-Landeschef Nils Schmid. Klar ist, dass die grün-rote Regierung von der Deutschen Bahn absolute Transparenz beim anstehenden Stresstest verlangt. Außerdem soll der Baustopp verlängert werden, um keine weiteren Fakten zu schaffen. "Dann haben wir uns im Grundsatz darauf geeinigt, dass das Volk das letzte Wort hat", sagte Kretschmann. "Im Grundsatz" heißt allerdings nicht definitiv.
Bei der entscheidenden Frage, ob es eine Volksabstimmung unabhängig vom Ergebnis des Stresstests geben wird, lavieren beide Parteien herum. "Da spekulieren wir jetzt einfach nicht rum", sagte Kretschmann zunächst. Dann erklärte er: "Grundsätzlich geht es mit dem Volksentscheid weiter" - um dann anzufügen: "Aber das hängt doch alles vom Stresstest ab." Schmid wiederum sagte: "Erst nach dem Stresstest wissen wir, worüber abgestimmt werden kann." In den vergangenen Tagen hatten Grüne betont, dass es sich nicht lohne, über einen Leichnam abzustimmen. Wann aber ist ein Leichnam ein Leichnam? Schmid: "Über den Status quo des Leichnams entscheidet der Stresstest." Die Grünen hoffen inzwischen, dass sich das Projekt von alleine erledigt.
Für neuen Zündstoff sorgte zuletzt ein internes Dossier der Deutschen Bahn, das an die Öffentlichkeit gelangt war. Darin werden zahlreiche Risiken aufgezählt, die die veranschlagten Gesamtkosten von 4,1 Milliarden Euro in die Höhe treiben könnten. Bislang galt unter den Projektträgern eine Sollbruchstelle von 4,5 Milliarden Euro.
Schon mit der Besetzung der S21-Arbeitsgruppe war klar, dass die Verhandlungen schwierig werden. Auf Seiten der Grünen saßen neben Kretschmann die S21-Gegner Winfried Hermann (Bundestagsfraktion), Boris Palmer (Tübinger Oberbürgermeister) und Werner Wölfle (Landtagsfraktion). Auf Seiten der SPD saßen neben Schmid unter anderem die beiden strikten S21-Verfechter Claus Schmiedel (Chef der Landtagsfraktion) und Wolfgang Drexler (früherer S21-Projektsprecher). Am nächsten Donnerstag trifft sich die Gruppe ein zweites Mal.
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"Stuttgart 21" ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: Der Kopfbahnhof der Stadt soll durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof komplett ersetzt werden. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen.
Der neue Bahnhof soll Ende 2017 fertig sein, der Probebetrieb 2019 aufgenommen werden. "Das neue Herz Europas" nennt die Bahn das Projekt im Netz. Ein breites Bündnis von Bürgern protestiert allerdings gegen den Umbau. Ihre Argumente: Der Tiefbahnhof sei betriebsschädlich, nicht bahnkundenfreundlich, umweltbelastend und viel zu teuer. Sie haben mit dem Projekt "Kopfbahnhof 21" ihre eigenen Pläne.
Trotzdem wurde der symbolische Baubeginn im Februar 2010 gefeiert, der Nordflügel des Kopfbahnhofs im September 2010 abgerissen. Ein Teil der Bauaufträge vergeben. Eine Schlichtung Ende 2010 schlug mögliche Verbesserungen unter der Bezeichnung "Stuttgart 21 Plus" vor. Das Protestbündnis hält jedoch an dem "Kopfbahnhof 21" fest.
Der Wechsel der Landesregierung in Baden-Württemberg sorgte für einen zeitweisen Baustopp. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Grüne und SPD eine Volksabstimmung, in der die Bürger entscheiden, ob das Land die Co-Finanzierung von "Stuttgart 21" stoppen soll. Sie findet am 27. November 2011 statt.
Finanziert werden soll das Projekt von der Deutschen Bahn AG, dem Bund, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart, dem Flughafen Stuttgart sowie dem Verband Region Stuttgart. Die Bauherren gehen offiziell davon aus, dass "Stuttgart 21" 4,1 Milliarden Euro kosten wird, halten sich aber eine "Risikoreserve" von 400 Millionen Euro zusätzlich offen. Unabhängige Bahnexperten haben allerdings wesentlich höhere Kosten errechnet.
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Leserkommentare
13.04.2011 12:42 | Ihr Namecindy
Nils Schmidt lehnt sich sehr weit aus dem Fenster mit seiner Haltung zu dem Wahnsinnsprojekt. Es amcht den Anschein als ob ...
13.04.2011 11:29 | bla
haben die grünen (ich mein özdemir und auch künast) nicht schon "damals" gesagt (genuschelt), dass es nicht zwangsläufig zu ...
08.04.2011 22:57 | Bitbändiger
@Schwabe: ...