Das Prinzip des Schlachthofs

Haben Tiere Rechte?

Die Umzingelung des Schlachthofs von Wietze macht sichtbar, was Schlachthöfe verstecken - und erklärt, warum Tierleiden Politik überfordert.

Menschentiere, Tiermenschen: Die Frage nach dem Recht berührt das anthropologische Fundament.  Bild: David Oliveira

BREMEN taz | Wahlkampf? Klar ist das Wahlkampf, wenn drei Wochen vorm Termin in der Südheide mehr als 5.000 Menschen einen Schlachthof umzingeln – den Geflügelschlachthof von Wietze.

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Den macht wohlgemerkt allein seine Größe, seine unfassbare Kapazität, zum Schlachthof der Schlachthöfe: Da liegt er, ein riesiger Komplex, kaum ist man aus dem Waldstück raus, gleich rechts am Ortseingang. Der größte Geflügelschlachthof von Europa.

Deshalb verkörpert er derzeit das Prinzip Schlachthof: weil er seinen vorläufigen Endpunkt bedeutet, es momentan auf die Spitze treibt und doch zugleich nur anzukündigen scheint, dass anderswo noch größere folgen. Man sieht ihn schon durch die Fichten, wie ein gelandeter Todesstern, gespenstisch – und gewissermaßen ein Inbegriff der Menschlichkeit. Denn Tiere bauen keine Schlachthöfe.

Wahlkampf ist für viele ein Hasswort, erst recht für PolitikerInnen. Es ist aber Wahlkampf, und zwar in dem guten Sinne, dass die Umzingelung etwas bestimmt, was Gegenstand des politischen Entscheidens sein kann, ein Inhalt und ein Problem, das Politik nicht erledigen, an dem sie sich aber abarbeiten kann: Sie wird nicht den Rückbau von Wietze verfügen.

Aber die Dynamik der Umzingelung widerspricht, weil sie ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, genau dem Prinzip des Schlachthofs. Und das führt dazu, dass durch die Demo sehr grundsätzliche Fragen zu schwingen beginnen.

Es sind Fragen, die das politische Feld überfordern, weil sie den Grundbestand der westlichen Anthropologie angreifen: die Frage, was für Tiere die Menschen sind, vor allem. Wie sie künftig damit umgehen wollen. Und, ob Tiere – Vorsicht vor den Abgründen der Ironie! – Rechte haben.

Auf diese Frage war der Schlachthof in seinen Anfängen eher eine Reaktion als eine Antwort. Seine Geschichte beginnt vor 200 Jahren, nur wenig nachdem der englische Philosoph Jeremy Bentham in einer Fußnote auch den Tieren den Anspruch auf Rechte zugebilligt hatte: Der speise sich nämlich nicht wie sonst oft behauptet aus der Sprachfähigkeit oder der Vernunft. Relevant sei einzig die Frage: „Can they suffer?“ – können sie leiden? (wobei er den Tod seiner künftigen Steaks zuvor mit einiger Chuzpe als weniger leidvoll denn den natürlichen rechtfertigt).

Sein Buch, die "Introduction to Moral Principles" (Einführung in die Grundsätze der Morale) ist 1789 erschienen - also zu Beginn der Französischen Revolution. Und während in der ja aus dieser Umwälzung  hervorgegangenen Armee die wehrpflichtigen Bürgersöhne Frankreichs auf den Schlachtfeldern von Jena, von Lübeck, von Aspern oder Wagram ihre Produktivkräfte entfalten und verschleißen, versucht Napoléon durch die Erfindung des Schlachthofs das so störend in den Blick geratene Leiden der Tiere zu verbergen.

Diesem Anliegen gehorcht bereits das neue Wort abattoir, das vor 1806 im Französischen nicht existiert. Es kündet bloß noch vom zu Boden schlagen (abattre), vorher war nur der Ausdruck tuerie gebräuchlich gewesen, Schlachterei, das vom Verb tuer stammt: töten.

Bonaparte befiehlt die Errichtung der ersten fünf Abattoirs. Der Publizist, Rechtshistoriker und Politiker Alexandre-Auguste Ledru-Rollin nennt das Datum vom 13. November 1806, das Originaldekret scheint verschollen. Die Standorte legen sich wie ein Salomonissiegel um die Stadt Paris, sollen sie umzingeln.

Erst im Herbst 1810, da hat der Bau aller fünf Anlagen längst begonnen, wird eine Hygiene-Begründung nachgeschoben: Der Kaiser klassifiziert tueries als „établissements insalubres“, unreine, gefährliche Einrichtungen, macht ihren Betrieb genehmigungspflichtig und untersagt ihn in Wohngebieten.

Und ja, bald schon werden die Abattoirs zur Touristenattraktion, Reiseführer schwärmen von ihrer ingeniösen Wasserzufuhr, der zweckmäßigen Kubatur der Gebäude und den prachtvollen Fassaden.

Auch die USA erreicht ihr Ruhm: „I perceived neither any sight to disgust the eye, nor any disagreeable smell“, schreibt ein anonymer Pariskorrespondent 1837 begeistert in der Juni-Nummer von Atkinson’s Casket, weder ekelhafte Anblicke noch ein übler Geruch: „Every thing was perfectly sweet and clean“, alles hübsch und sauber.

Tiere tauchen in seinem Text bloß als statistische Werte des vorvergangenen Jahres auf: 81.132 Ochsen, 13.238 Kühe, 74.430 Kälber, 403.583 Schafe und 10.830 Schweine, die offiziellen Ziffern von 1835.

Körperlos. Geräuschlos. Unsichtbar.

Unsichtbar. Geräuschlos. Körperlos: Was Vernunft heißt, erfahren in Wietze, falls die Anlage im Volllastbetrieb läuft, 482.000 Hähnchen täglich. Und auch die Gerüche fangen die Filter auf.

Eine Fassade zum Bewundern hat der Schlachthof dort freilich nicht, sondern drei Meter hohe grüne Gitter, Kameras, patrouillierende Wachleute.

Was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer als „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt“ nur ahnen, beschreibt der französische Philosoph Jacques Derrida 50 Jahre später als Reduktion der Tiere „im Dienste eines mutmaßlichen Wohlseins der Menschen“: Diese täten „alles, was sie können, um diese Grausamkeit zu verbergen oder vor sich zu verbergen“, heißt es in seinem Vortrag „L’animal que donc je suis“ („Das Tier, das ich also bin“).

Sobald aber das Versteckspiel scheitert, wird die verdrängte Frage nach dem Recht des Tiers, das nicht der Mensch ist, zum politischen Anliegen, und sogar dringlich, wegen der Emotionen, gerade im Wahljahr: Es ist ja kein Zufall, dass der Tierschutz ausgerechnet 2002 ins Grundgesetz gelangte, als Edmund Stoiber (CSU) jede Chance wahren wollte, Bundeskanzler zu werden. Am Ende hat's nur für ein Glas Schampus gereicht, aber immerhin.

Die Gefühle weckt das Thema jedenfalls selbst noch in der extrem modifizierten Gestalt eines Gesetzesvorhabens, des „Verbandsklagerechts Tierschutz“, so heißt das nun mal.

Rot-Grün in Niedersachsen bastelt dran, Agrarminister Christian Meyer (Grüne) vorneweg, mal schau’n ob ihn die Affäre um seinen Staatssekretär jetzt bremst.

Niedersachsen, das ist ein besonderer Schnack. Zwar, ein Tierschutz-Klagerecht auf Länderebene gibts schon, seit Juni auch in Nordrhein-Westfalen, in Bremen sogar seit 2007, auch wenn die heiß diskutierte Einführung bisher keine Folgen hatte.

In Niedersachsen jedoch sind Tiere ein erheblicher Wirtschaftsfaktor: Es gibt große Zoos und kleine Tierparks, wie den in Hodenhagen, der schon öfters ins Visier der "People for ethical Treatment of animals" (Peta) geriet. Tierversuche werden an den Unis durchgeführt und auch von privaten Institutionen wie Boehringers neuem Impfstoffzentrum in Hannover.

Vor allem aber ist Niedersachsen das Landwirtschaftsland Nummer eins. Milch, Eier, Schweine, Hühner oder Puten, alles wird hier produziert und verarbeitet und entwickelt: Lohmann-Tierzucht (LTZ) aus Cuxhaven, 2011 wegen Tierquälerei zu einer Geldbuße von 100.000 Euro verdonnert, ist weiterhin Marktführer in Sachen Hybridhennenproduktion.

Und dass der gesondert wegen "quälerischer Tiermisshandlung" angeklagte Geschäftsführer Rudolf Preisinger damals nicht härter bestraft wurde, lag an der Komplizenschaft der Kontrollbehörden. So etwas könnte ein Klagerecht der Tierschutzverbände immerhin erschweren - viel mehr aber auch nicht.

Dennoch scheinen sich die tiernutzenden Firmen und Institutionen große Sorgen zu machen, und während die meisten das klar ausdrücken, herrscht in der Geflügelindustrie offenbar blanke Panik: Selbstverständlich hatte taz.nord auch da zum Thema neues Klagerecht angefragt, bei Unternehmen wie Rothkötter, Wesjhohann oder eben LTZ.

Schließlich hatte der niedersächsische Agrarminister Christian Meyer (Grüne) das "massenhafte Amputieren von Schnäbeln bei Hühnern und Puten" genannt, als er die Gesetzesinitiative in der Neuen Osnabrücker ankündigte, und "die Käfighaltung". Lauter Beispiele aus dem Geflügelbereich.

Aber dort anzufragen heißt, sich auf eine kuriose wie ergebnislose Reise zwischen Pressestellen, Unternehmen und PR-Agenturen zu begeben: Wesjohanns Wiesenhof-Werber verfallen in Schockstarre, Frau Rothkötter verweist wie auch Lohmann-Tierzucht auf den Zentralverband der Geflügelwirtschaft (ZDG).

Und der? Hält seinen Landesverband, die Niedersächsische Geflügelwirtschaft (NGW) für zuständig, nur ist die gehandicapt, weil ja die Staatsanwaltschaft gegen den NGW-Chef wegen Eierfälschung ermittelt.

Nach zwei Tagen brüten wird das Thema zur "bundesweiten Angelegenheit" erklärt, sprich: der ZDG ist zuständig, wo Referatsleiter Dirk Höppner auf erneute Anfrage erklärt, man werde "keine Stellungnahme abgeben".

Politik ist kein Feld für philosophischen Rigorismus. Denn der wird im ganzen schönen Gesetzesentwurf nichts anderes erkennen als eine neue Fassade des Schlachthofs, eine neue Verdrängungsstrategie: Dass der Mensch jenes Tier ist, das Schlachthöfe baut, und zugleich, angesichts ihres Leidens, nach dem Recht der Tiere fragt, und voller Mitleid entscheidet: Jaja, es müsse doch ein Recht geben für sie, ist ein Widerspruch.

Radikale Tierrechtler bringt er auf die Palme. Politik hingegen besteht darin, ihn zu vermitteln. Und zwar indem sie mit der Wahrung dieses Anspruchs genau jenes Tier betraut, das Schlachthöfe baut.

MITARBEIT: JURIK ISER

 

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