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wortwechselGewalt als Mittel zur politischen Durchsetzung

Die 1970er Jahre waren in Deutschland geprägt vom Linksterrorismus. Wie denken damalige Anhänger des bewaffneten Kampfs heute über diese Zeit?

Normativer Horizont

„Mein Leben hat mich entertained“,

wochentaz vom 29. 8.–4. 9. 26

Eine echte Wohltat, ein Interview zu lesen, das aus der Begegnung zweier echter Gegenüber besteht; keine affirmativ ­nachseufzende Hofberichterstattung. Vielen Dank dafür.

Mir hat imponiert, wie durch das fragende Nachsetzen auf selbstgenügsame Antworten und in der Gegenüberstellung von gelebtem Radikalindividualismus mit dem Begriff der Verantwortung ein normativer Horizont des Fragestellers genauso sichtbar wird wie der Astrid Prolls.

Da hätte der Text ruhig noch länger sein können und sich mit weiteren historischen oder begrifflichen Schürf­bewegungen vertiefen können. Schon so ein echter Gewinn für mich, diesen Text gelesen zu haben. Sven Lembke, Offenburg

Sanfte Radikale

„Mein Leben hat mich entertained“,

wochentaz vom 29. 8.–4. 9. 26

Die Antworten von Frau Proll im lnterview lesen sich wie aus der Pistole geschossen. Also von ihrer Seite her. Das stimmt nachdenklich.

Andererseits denkt man sich: Wurde vor dem Interview ein bisschen abgestimmt, dass man zueinander frech ist? Auf rauen Wegen zu den Sternen? Sanft wirkt sie nicht, sanft, wie echte Radikale sind. Fritz Feder, Heidelberg

Fehlende Distanz

„Die Linkspartei belügt die Menschen“,

wochentaz vom 29. 8.–4. 9. 26

Das Interview ist, gelinde gesagt, sehr unglücklich. Die Befragte war Mitglied der Bewegung 2. Juni, angeblich, um „auf der Seite der unteren Schichten“ zu stehen. Tatsächlich hat sie für die unteren Schichten nichts erreicht, sondern war als Teil einer kriminellen Vereinigung an Entführungen und Erpressungen beteiligt und lebte im Untergrund. Bis 1992 war sie für 15 Jahre in Haft.

Seitdem hatte sie reichlich Zeit, über die Sinnhaftigkeit von Gewalttaten zur Durchsetzung politischer Ziele nachzudenken. Sie gibt allerdings an, nichts zu bereuen und froh zu sein, das damals gemacht zu haben. Diese Einstellung ist so hinzunehmen. Jeder hat das Recht, nichts dazuzulernen. So weit, so banal.

Was mich aber schockiert, ist die fehlende kritische Distanz der Autorin zur Inter­viewten. Keine Nachfrage zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Gewaltwelle in den 1970ern, keine Frage, wie Gewalt zu Lebensverbesserung Benach­teiligter beitragen soll, und auch kein ­Hinweis auf die Gefühlslage der Opfer. Der Gipfel der Distanzlosigkeit wird erreicht, als im Gespräch aus der kriminellen Kar­riere eine politische Laufbahn wird.

Vermutlich hat die Autorin das nicht beabsichtigt, aber ihr Text liest sich für mich wie eine nachträgliche Legitimation der vom 2. Juni ausgeübten Gewalt als politischer Aktion. Wer ein dermaßen grenzwertiges Interview veröffentlicht, darf sich nicht beschweren, wenn heute rechte Gruppen zu Gewalt greifen, um ihre Ziele zu erreichen. Ulrich Wiese, Oldenburg

Hilfreiches Internet

„Der Vergleich in den USA ersetzt kein Verbot von Social Media für Kinder“,

wochentaz vom 29. 8.–4. 9. 26

Leider leistet das Internet und ins­besondere Social Media noch immer Aufklärungsarbeit, die an den Schulen oft gänzlich fehlt. Sei es dazu, Missbrauch zu erkennen (der meistens im Nahumfeld passiert), um Notrufnummern zu finden oder über Gesundheit zu informieren, wie zum Beispiel zum Thema Endometriose (die oft schon unter 14-Jährige betrifft und über die sogar Ärz­t*in­nen oft noch kläglich wenig wissen).

Auch für queere Jugendliche ist oft das Internet der einzige Ort für Aufklärung und Flucht. Mir hat eine über das Internet recherchierte Telefonnumer damals ermöglicht, mir Hilfe zu suchen und mein Elternhaus zu verlassen. Statt den Konzernen gefährliche Algorhitmen zu verbieten, hält man lieber Kinder und Jugendliche aus dem Internet fern, um sie dann völlig unvorbereitet mit 14, 16, oder 18 Jahren darauf loszulassen.

Dabei lässt sich – im Gegensatz zu ­Alkohol – das Internet sicher für Kinder gestalten. Ein generelles Verbot ist oft leicht zu umgehen und löst die ursprünglichen Probleme nicht.

Anonym, Potsdam

Wörter als Barrieren

„Der affektive Furor der Gekränkten“,

wochentaz vom 15.–22. 8. 26

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu diesem Artikel, auf den ich von einem politisch sehr interessierten Leser hingewiesen worden bin! Eine sehr klare und meines Erachtens sehr hilfreiche Analyse! Kompliment an den Autor und Ihre Redaktion!

Gestatten Sie mir trotzdem eine kritische Bemerkung: Der Titel enthält das Wort „Furor“, das im Deutschen als sehr selten gilt und dem Wortschatz C2 zugeordnet wird. Nicht jede*r Le­se­r*in wird dieses Wort im Titel so ohne Weiteres verstehen. Dies stellt für manche Leser sicherlich eine Lese- und Verständnis­barriere dar. Ein Medium wie die taz sollte meiner Meinung nach nicht nur die Le­se­r*innen­schaft der Wochenzeitung Die Zeit ansprechen.

Mein Ehemann war Politikjournalist in der ARD und ist nun seit ein paar Jahren im Ruhestand. Wenn wir über Politik diskutierten, hat er mich immer ermahnt: „Drücke dich ohne allzu viele Fremdwörter aus, das verlange ich auch immer von Wissenschaftlern und Professoren, wenn ich Interviews oder Filme mit denen mache.“

Ich musste meistens zugestehen: Er hat Recht! Fremdworte oder sehr seltene Wörter fungieren auch als Barrieren. Das können Sie als linke Tageszeitung doch nicht wollen.

„Die Wut der Gekränkten“ wäre meines Erachtens ein besserer Titel gewesen, den zum Beispiel auch Patient*innen ohne Abi­tur oder Universitätsabschluss verstehen könnten. Ganz zum Schluss: Bei der Suche in Ihrem Archiv habe ich den oben genannten Titel gesucht, und da ich den genauen Titel nicht wusste, nur das Suchwort „Furor“ eingegeben.

Ich war doch bass-erstaunt, dass dieser Begriff in Ihrem Archiv 957-mal auftauchte! Vielleicht kommt dieses Wort nicht immer im Titel vor, doch im Titel wirkt es abschreckend für eine Le­se­r*innen­schaftschaft, die eigentlich auch Interesse an ­ihrer Zeitung haben sollte. Ich meine Migrant*innen ohne gute Deutschkenntnisse, Leute ohne Abitur, ­Jugendliche et cetera.

Matthias Fünfgeld, Freiburg im Breisgau

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