wortwechsel: Würden wir heute Widerstand leisten?
NSDAP-Mitgliederkartei ist jetzt zugänglich, und eine schockierend hohe Zahl von Deutschen war Parteimitglied. Einige finden ihre Eltern darunter
„Und die parteilosen Mörder“ NSDAP-Mitgliederkartei ist jetzt zugänglich,
taz vom 21. 4. 26
Beide Eltern NSDAP
Liebe taz, danke für diesen Artikel. Aufgrund meiner starken persönlichen Betroffenheit hatte ich mir über das Zeit-Recherche Tool Gewissheit verschafft, dass meine Eltern beide in der NSDAP waren. Über die beklemmende Stille, die in vielen Familien über die NS Zeit herrschte ist (zum Glück) schon viel geschrieben worden.
Was an dem die Recherche-Maske begleitenden Artikel sehr spannend für mich war: Nur maximal 10 Mio Menschen waren Parteimitglied. Einerseits eine schockierend hohe Zahl. Andererseits haben alle von mir daraufhin zur Abgabe einer Schätzung aufgeforderten Menschen eine deutlich höhere Zahl vermutet. Es gab eine jahrelange Aufnahmesperre, u. a. um das Mitläufertum einzudämmen. In der Wochentaz vom 21.–27. 3. 26 hatte es einen für mich sehr verstörenden Beitrag über die Öffnung des USA-Archivs gegeben. Ich empfand ihn als destruktiv.
Durch das Recherche-Tool werden vermutlich viele Boomer:innen von der Parteimitgliedschaft ihrer Eltern (!) erfahren.
Christian S. (Nachname der Redaktion bekannt)
Totalitäre Geschichte
Dass die NSDAP-Mitgliedschaft (10 Millionen!) nichts über Täterschaft aussagen kann, liegt auf der Hand. Darum geht es bei der Kartei auch nicht, eher schon darum, die ganz banale Verstrickung der gesamten Gesellschaft im totalitären, mörderischen Staat am Beispiel der eigenen Familie greifbar zu machen.
Und da ist es halt ein seltener Glücksfall, dass diese Kartei in die Hände der Besatzer gekommen ist und nicht einfach vernichtet werden konnte. So viel Glück hatten andere Länder mit totalitärer Geschichte nicht.
Leser*in Deutschfranzose auf taz.de am 22. 4. 26
Egal was Uropa machte
„War Opa ein Nazi. Diese Frage beschäftigt aktuell viele.“ Ich kenne keinen Einzigen, den das beschäftigen würde, steigende Preise, Kriege, drohender Jobverlust, eingebrochener Wohlstand da schon eher. Meine Kinder und Enkel beschäftigt es auch nicht, was ein ihnen unbekannter Ururopa gemacht haben könnte.
Leser*in ToMuch auf taz.de am 22. 4. 26
Parteimitglied wider Willen?
Das Problem mit der Liste dürfte eher der sehr späte Zeitpunkt der Veröffentlichung sein. Ich war sehr überrascht, auch den Namen meines Vaters dort zu finden, der dort seit 1944 als Mitglied geführt ist. Da war er 18 Jahre alt. Dass meine beiden Großväter in der Partei gewesen sind, wusste ich längst. Nur: Die Großväter und mein Vater sind tot. Beim Blick auf das Eintrittsdatum meines Vaters erinnerte ich mich daran, dass Dieter Hildebrandt und Walter Jens vor Jahren behauptet haben, sie wären gegen ihren Willen als Parteimitglieder geführt worden und im Rahmen eines von der Parteiorganisation ohne ihr Wissen organisierten „Massenbeitritts“ ins Mitgliederverzeichnis geraten.
Leser PeWi auf taz.de am 22. 4. 26
Täter ohne Parteibuch
Dass es Täter ohne Parteibuch gab, ist jedem klar, der mal 5 Minuten über das Dritte Reich und andere Diktaturen nachgedacht oder mit Menschen, die diese Zeiten erlebt haben, gesprochen hat. Einige meiner Ost-Kollegen, die sich Ende der 90er Einblick in ihre Akten verschafft haben, konnten es kaum fassen, wer sie angeschwärzt hat. Ich habe es bis in die 60er Jahre erlebt, dass meine Eltern in Gegenwart mancher Leute plötzlich in den Flüsterton verfallen sind und sich zugeraunt haben, „die sind braun“.
Leser*in Oma auf taz.de am 22. 4. 26
In den Widerstand gegangen?
Bevor man den Stab über seine Vorfahren bricht, sollte jeder sich ganz ehrlich fragen, wie er sich verhalten hätte, wenn er damals unter den Nazis hätte leben müssen. Wäre er still gewesen oder in den Widerstand gegangen mit allen für ihn und seine Familie damit resultierenden Konsequenzen.
Leser*in Filou auf taz.de am 22. 4. 26
Erziehungsmethoden gleich
Noch heute habe ich von meiner Mutter die Erzählungen über die Erziehungsmethoden in den 1950er Jahren in den Ohren. Ein großer Unterschied zu denen der Jahrzehnte davor ist nicht zu erkennen. Es bleibt allerdings die Frage, ob man eine Wahl hatte, über das Ducken hinaus VerbrecherIn zu werden.
Leser*in aujau auf taz.de am 22. 4. 26
Wie würde man sich verhalten?
Aber auch Ihre Mutter hat nach 45 eine langsame Veränderung erlebt. Das hatten die Menschen vor 45 nicht. Es bleibt also die Frage, wie sich heutige Generationen verhalten hätten, wenn sie aufgewachsen wären wie ihre Vorfahren. Ich werden immer misstrauisch, wenn Menschen vollmundig erklären, dass sie in jedem Fall Widerstand geleistet hätten. Vielleicht auch, weil ich nach 89 jede Menge Wendehälse erlebt habe …
Leser*in warum_denkt_keiner_nach? auf taz.de am 22. 4. 26
Blinde Gefolgschaft
Viel wichtiger ist doch die „Systemische Frage“, wie konnten die Menschen in Deutschland einer rassistische Ideologie und einem totalitären und imperialistischen Herrschaftssystem bis zu seinem Exodus blind folgen?
Leser*in behr Behr auf taz.de am 1. 4. 26
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