wortwechsel: Rette mich! Gezeichnet: Deine Demokratie
taz-Lesende durchdenken mögliche Ursachen für die Krise der liberalen Demokratie.Ein Buckelwal in Not bekommt mehr gesellschaftliche Empathie als ertrinkendeMenschen?
Theorie und Praxis
„Ist die liberale Demokratie noch zu retten?“,
wochentaz vom 11.–17. 4. 26
wieso kommt bei einer so wichtigen frage nur eine höchst partikulare gruppe zu wort? hier sozialphilosoph:innen, die sich höchstens seminaristisch über grundlegende fragen der zukunft äußern und sich so auflagen und akademischen erfolg sichern, dort thinktank-lobbyist:innen, die schon lange keine frei schwebenden intellektuellen mehr sind mit kampfvokabeln wie disruption und marktwirtschaft.
So hat die liberale demokratie wirklich keine zukunft. eher dann, wenn nicht staatsbeamte oder bezahlte Expert:innen über die räterepublik oder die reform der märkte sprechen, sondern akteur:innen, die auch wirklich in der praxis stehen. zusammen mit den theoretiker:innen dann natürlich, denn erst zusammen kann es doch gelingen: ohne interessenkonflikte rein sachbezogen, divers auch in bezug auf tätigkeit, soziale herkunft, perspektive und schließlich theorie und praxis verbindend.
Johannes Hätscher, Frankfurt
Wert des Bürgers
„Ist die liberale Demokratie noch zu retten?“,
wochentaz vom 11.–17. 4. 26
In dieser Debatte suchen wir die Ursachen für die Krise der Demokratie oft bei „anderen“ – bei Politikern, Wählern, Reichen, Ungebildeten oder Radikalen. Vielleicht übersehen wir dabei, dass Demokratie nicht zuerst an Unwilligkeit oder Institutionen scheitert, sondern an unserem täglichen Umgang miteinander.
Ich erlebe eine Gesellschaft, in der Konkurrenz früh beginnt. Schon Kinder lernen, dass sie besser sein müssen als andere, um gesehen zu werden. Vergleiche und Leistungsdruck prägen sie, lange bevor sie verstehen, was Demokratie überhaupt bedeutet. Später rennen viele von uns, die „Erfolgreichen“, im Hamsterrad aus Leistung, Vergleich und Anerkennung – und wundern sich über wachsende Wut, Misstrauen und die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Demokratie braucht Vertrauen – und das wächst dort, wo Menschen erfahren, dass ihr Wert nicht von Leistung, Besitz oder Status abhängt.
Barbara Rogge, Kassel
Überfällig
„Ist die liberale Demokratie noch zu retten?“,
wochentaz vom 11.–17. 4. 26
In dem profunden und eigentlich längst überfälligem Kompendium über „unsere“ liberale Demokratie in der neusten wochentaz habe ich viele vertraute, aber auch viele neue Gedanken über unsere Demokratie gefunden. Deren Geburtsfehler, Fehlentwicklungen, Krankheiten, aber auch Heilungschancen wurden sehr deutlich. Es ist dabei sicher kein Zufall, dass diese „Bestandsaufnahme“ von links kommt.
Wolf Döhner, Schwäbisch Hall
Im Wasser
„Als Wal wäre ihnen das nicht passiert“,
wochentaz vom 4.–10. 4. 26
Die empörende Empathielosigkeit und das Desinteresse am Schicksal der ertrinkenden Menschen im Mittelmeer, für die keine Rettungsaktionen organisiert werden, für die keine Medien sich auch nur ansatzweise interessieren – und auf der anderen Seite das Medienspektakel zur besten Sendezeit rund um die mögliche Rettung eines Buckelwals in der Ostsee. Es bleibt unerträglich, wie selektiv und menschenverachtend unser Gesellschaftssystem funktioniert: Getötete im Libanon, im Gazastreifen und im Iran interessieren niemanden, sie bleiben anonym – da ja die Mörder auf der vermeintlich „richtigen“ Seite stehen.
Hartmut Louis, Wuppertal
Emotionslos
„Das Moral Shaming prallt ab“,
wochentaz vom 11.–17. 4. 26
Der Artikel erweckt den Eindruck, als ob funktionierende Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt simply eine Sache des Wissens über Struktur und Funktionen unseres Gehirns seien. An keiner Stelle aber verliert die Forscherin auch nur einen Nebensatz zur Bedeutung unserer Emotionen. Dieser Blackout der Emotionalität im neuropolitischen Design führt die Wissenschaftlerin dann auch geradewegs zu ihrer Überzeugung, dass die Inklusion der AfD in den demokratischen Prozess nur mehr eine Frage der überzeugenden Argumentation sei.
Ein gravierender Fehlschluss. Nichts will die AfD mehr vermeiden als (wissenschaftlich) fundierte und argumentative Auseinandersetzungen. Was sie dagegen reichlich anbietet, um ihre menschenverachtende Ideologie zu verwirklichen, sind Fake News und provokative Rhetorik, um die Menschen gegen „die Eliten“ aufzuhetzen. Für solche Erkenntnisse müssen wir keine Hirne scannen.
Gerd Büttner, Fürstenberg
Gewalt
„Lässt sich mit Tätern reden?“,
wochentaz vom 11.–17. 4. 26
Mir gehen die Gedanken zum Artikel vom Wochenende immer näher noch durch den Kopf. Ich bin fassungslos. Ich finde den Typen extrem manipulativ. Er macht immer „alles richtig“, und wenn nicht, ist er tieftraurig. Er schafft es, dass eine Frau ihn höflich verabschiedet – Stichwort „Tage“ –, nachdem er sie mehrfach gegen ihren Willen gewürgt hat. Nein, er macht es nicht richtig! Und er will es nicht merken. Er braucht – angeblich – seine Frau, damit er was merkt. „Lass mich in Ruhe“ wäre mein Vorschlag zum Rauswurf gewesen. Es freut mich, dass die Autorin durch Mediation die Wut aus dem Kopf bekommen hat. Ich wüsste übrigens zu gern, wie toll seine Frau und die beiden Töchter die „offene Beziehung“ persönlich finden
Ellen Kray, Potsdam
Selbstschädigung
„Freundlich auf dem Hof, radikal im Studiokeller“,
wochentaz vom 4.–10. 4. 26
Ich bin selbst Landwirtin und schäme mich oft für meinen Berufsstand. Und es macht mir Sorgen, wie blind die Landwirtschaft an dem Ast sägt auf dem wir alle sitzen, wenn es um Pestizide geht.
Viele denken immer noch, Bauern wären für Naturschutz, dabei interessieren sich die meisten, die ich kenne, nur für ihre Maschinen und bewirtschaften den Hof, weil sie ihn halt geerbt haben. Bauern sind außerdem immer Opfer, das hat eine lange Tradition. Wer nicht jammert, wird in diesem Berufsstand auch nicht akzeptiert. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft Agrarsubventionen komplett neu denkt oder auch ganz streicht und junge Leute, die eine wirkliche Liebe zur Natur antreibt, leichter zu einem Hof kommen. Und nein, ich glaube nicht, dass wir dann alle verhungern werden.
Akinom auf taz.de
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen