unterm strich: Afghanistan in Venedig
Als Russland in diesem Frühjahr seinen umstrittenen Wiederauftritt bei der Venedig-Kunstbiennale ankündigte, tauchte die Frage auch auf: Wie werden eigentlich die Nationalpavillons in Venedig ernannt? Über staatliche Ministerien, meistens das Kulturministerium eines teilnehmenden Landes. Das wendet sich sozusagen als nationale Vertretung der Kunstbestriebs an die Biennale-Stiftung in Venedig.
Ein Land wie Afghanistan aber besitzt gar keine legitime Plattform für seine Künstler:innen. Unter anderem, weil die seit August 2021 bestehende De-facto-Regierung, gestellt von der radikal islamischen Taliban, international nicht anerkannt ist. Und auch, weil es durch die sozioökonomische Krise und dramatische Menschenrechtslage vor Ort kaum mehr ein öffentliches Kulturleben gibt. Viele afghanische Künstler:innen werden verfolgt, haben das Land verlassen oder können sich vor Ort nicht frei ausdrücken.
Trotzdem gibt es eine starke zeitgenössische afghanische Kunstszene. Nun hat sich eine zivilgesellschaftliche Initiative gegründet, um ihr in Venedig auch auf internationaler Bühne einen Auftritt zu verschaffen. Es soll 2028, zur nächsten Kunstbiennale, einen unabhängigen afghanischen Pavillon geben. Angeführt von Organisationen wie der US-amerikanischen Artistic Freedom Initiative (AFI) und deren europäischen Vertretung, der Initiative pour la Liberté Artistique (ILA), die sich um die Sicherheit verfolgter Künstler:innen weltweit bemühen, und unterstützt von der Venezianischen Kulturstiftung Querini Stampalia, wurde in Venedig hierzu jetzt eine Kampagne gestartet. Bis 2028 soll der unabhängige Afghanistan-Pavillon aufgebaut werden, er soll künstlerische Stimmen aus Afghanistan selbst und der Diaspora versammeln. Die Ausstellung soll frei von der Zensur und Kunstfeindlichkeit der Taliban sein, die nicht nur 2001 die historischen, monumentalen Buddha-Statuen von Bamiyan sprengten, sondern auch noch bei ihrem Machtantritt 2021 Kulturgüter zerstörten. Welche Künstler:innen teilnehmen werden, wo die Ausstellung stattfinden und wer das Projekt finanziert soll, wird jetzt erarbeitet.
Entscheidend bleibt, ob die dezidiert nicht-staatliche Initiative auch die Anerkennung der Biennale-Stiftung erhält. In Venedig, wo sich während der Kunstbiennale immer auch ein Stück Weltpolitik abbildet, ist man jedoch in solch Zwischenlösungen geübt. So bespielt etwa Taiwan aus Rücksicht vor China keinen nationalen Pavillon, sondern tritt lediglich als eigenständige Position im offiziellen Rahmenprogramm auf. Ähnlich könnte man verfahren, um auch der afghanischen Gegenwartskunst eine Sichtbarkeit zu verschaffen.
Das letzte und einzige Mal war Afghanistan ganz offiziell 2005 bei der Venedig-Kunstbiennale dabei, vertreten von der Performance- und Videokünstlerin Lisa Abdul. Die 1973 in Kabul geborene Abdul lebt schon seit Jahrzehnten außerhalb des Landes. (soj)
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