taz-adventskalender (14): „Wir wollen radikal sein“

Die taz präsentiert in ihrem Adventskalender BerlinerInnen, die für etwas brennen. Hinter Türchen 14: Chorleiter Johannes Gall

Musik tut gut und es muss ja nicht gleich die ganz große Nummer sein: Dirigent Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin bei Proben im Januar in der Carnegie Hall in New York Foto: dpa

taz: Herr Gall, was bewirkt Singen?

Johannes Gall: Singen ist gemeinschaftsbildend. Im Chor merkt man das besonders deutlich: Alle sind wichtig.

Beruht darauf die Euphorie, die bei Sängerinnen und Sängern oft entsteht?

Das höre ich zumindest immer wieder von unseren Singenden: Sie kommen in die Probe, sind fertig von der Arbeit des Tages. Hinterher sind sie dann viel entspannter. Probenarbeit ist aber auch anstrengend. Als Dirigent weiß ich, dass man da gewaltig unter Druck stehen kann.

Was ist so belastend?

Das hat oft mit den Inhalten zu tun: Die können an die Nieren gehen. Als ich das Moorsoldatenlied, komponiert 1933 im KZ, mit dem Chor einstudiert habe, fiel es vielen schwer, das bis zur letzten Strophe durchzusingen. Das hörte man auch an der Tonhöhe, die bis zum Schluss immer weiter sank.

Johannes C. Gall

leitet den Hans-Beimler-Chor seit 2007. Er hat Musik, Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie studiert. Der Chor hat derzeit 35 Sänger*innen, nächster Auftritt ist in der Philharmonie im April.

Wie ist das für Sie als Dirigent, wenn der Chor richtig loslegt?

Das ist ein überwältigendes Gefühl. Und gleichzeitig die große Herausforderung als Musiker: Sie wollen emotional ergreifen und gleichzeitig die Kontrolle behalten.

Ihr Chor ist nach Hans Beimler benannt, einem kommunistischen Revolutionär. Ist Ihnen dieses Revolutionäre noch wichtig?

Ich habe mich schon immer für politisch engagierte Musik interessiert – also für sozialistische, kommunistische und links orientierte – und das hat mit dem Chor gepasst. Er ist Anfang der 70er Jahre gegründet worden, als das Klima in Berlin sehr offen war, und war an die Sozialistische Einheitspartei Westberlin (SEW) angebunden. Das ist lange vorbei, die Partei gibt es ja auch nicht mehr. Aber wir stellen uns weiterhin bewusst in die Tradition des Revolutionärs. Wir wollen radikal sein, an die Wurzeln des Ganzen gehen, die Dinge verändern. Die Verbindung mit Musik ist so spannend, weil es nicht nur die Singenden erreicht, sondern auch die Zuhörenden. Es geht um Bewusstseinsbildung.

Glauben Sie, dass Musik die Gesellschaft verbessern kann?

Die Musik kann nicht aus sich selbst heraus die Welt verändern, aber sie ist ein wirkmächtiges Werkzeug in dieser Hinsicht. Sie erreicht Leute mit ihrer Botschaft. Es ist sogar wissenschaftlich belegt, dass bei sozialen Bewegungen Musik eine große Rolle spielt, denken Sie an die „Marseillaise“ oder die „Internationale“. Die Nelkenrevolution in Portugal wurde durch „Grândola, Vila Morena“ sogar ausgelöst.

Hoffen Sie, dass ihr Chor so eine Wirkung hat?

Selbstverständlich! (lacht)

Interview: Bert Schulz

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