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szeneGehen ist das neue Laufen

Illustration: Donata Kindesperk

Die Hamburger Stresemannstraße ist eine der längsten Schneisen durch die Stadt. Wenn man sie vom Anfang (Neuer Pferdemarkt) bis zu ihrem Ende (Bahrenfelder Chaussee) zu Fuß abschreiten will, braucht man bis zu 45 Minuten. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, dass ich mich, wenn ich täglich einmal hin- und zurückginge, locker beim Fitnessstudio abmelden könnte. Dort steige ich nämlich eigentlich nur auf das Laufband, um, – na, was wohl? – zu gehen.

Gehen ist das neue Ding. Joggen ist out. Zu schlecht für die Gelenke. Wenn man das eigene Japsen im Treppenhaus selbst nicht mehr hören kann: einfach losmarschieren!

Auf meinem Weg zur Fittibude treffe ich leider immer wieder Bekannte, die locker Richtung Alster hüpfen, um sie zu umrunden. „Wo willst du denn hin, Rebecca?“ „Zum Sport“, sage ich, denn das hört sich erst mal gut an.Auf die Frage, wo ich den denn zu treiben gedächte, verweise ich auf meine Mitgliedschaft in der billigsten Fittibude der Stadt, die sich, Achtung, in der Stresemannstraße befindet. „Ahhh, die meinst du … ich hoffe, du hast Badelatschen dabei? Für die Dusche?“ Habe ich nicht, aber das braucht wirklich niemand zu wissen. Demütigung Nummer 1 erledigt.

Nummer 2 erwartet mich im Inneren des Studios. Kaum habe ich mich auf eins der Laufbänder gewuchtet und mir die Stöpsel in die Ohren gefummelt, gesellt sich auf dem Nebengerät eine ehemalige Kollegin zu mir. Diese hat vier Kinder und eine Karriere. Sie umarmt mich, während ich auf geringster Stufe gehe; ich schlage fast hin, fange mich aber.

Sie rennt los. Das Laufband schnurrt. Dabei telefoniert sie, ohne aus der Puste zu kommen. Ich tue so, als sei ich schon länger auf dem Gerät zugange, betupfe mein trockenes Gesicht mit meinem Handtuch und werfe ihr eine Kusshand zu. Zwei Kilometer Rückweg auf der Stresemannstraße fühlen sich eh echter an als das hier.

Rebecca Spilker

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