starke gefühle: „Bekommen Sie halt ein Kind“, sagt die Ärztin, als ich frage, was gegen höllische Regelschmerzen hilft
An einem sonnigen Spätsommertag setzt mir meine Gynäkologin die Pistole auf die Brust: „Entweder Sie nehmen die Pille oder Sie werden halt schwanger“, sagt sie. Mit dem Telefon am Ohr stehe ich auf dem taz-Balkon, unter mir die Berliner Friedrichstraße, und weiß nicht, was ich antworten soll.
Eigentlich wollte ich herausfinden, welche Möglichkeiten ich habe, um meine Bestie von Regelblutung in den Griff zu kriegen. Seit Jahren leide ich unter objektiv zu hohem Blutverlust und Schmerzen, die sich nur mit hochdosierten Tabletten bekämpfen lassen. Seit ich das erste Mal bei ihr auf dem Stuhl saß, behauptet meine Ärztin, das sei normal. Jetzt diese knallharte Ansage: eine tägliche Hormonzufuhr oder doch ein süßes kleines Baby.
„Oder man nimmt Ihnen den Uterus raus. Aber dafür sind Sie noch zu jung“, legt sie nach, als ich zu lange zum Antworten brauche. Den letzten Kommentar lasse ich nach einem tiefen Durchatmen an mir vorbeigehen.
Stattdessen sage ich, dass ein Kind nicht infrage kommt. Und dass sich mir der Therapieansatz Schwangerschaft nicht erschließt. Schließlich taucht die Periode irgendwann ja wieder auf. Was dann? Noch ein Kind? Und noch eins? Ihre Antwort: Früher war das so.
Was betreibt meine Ärztin da für ein Geschäftsmodell? Bekommt sie eine Provision für jedes Baby, um der historisch niedrigen Geburtenrate entgegenzuwirken? Ist das die Innovation im Gesundheitssystem, von der immer alle reden?
Medical Gaslighting nennen Forscher*innen das, was meine Ärztin macht: Symptome von Patient*innen herunterzuspielen oder nicht ernst zu nehmen. Frauen, queere Menschen und Menschen of Color sind davon besonders betroffen.
Mutterschaft ist eine lebensverändernde Entscheidung. Sie ist keine Behandlungsmethode, die sich als Rezept ausstellen lässt, und auch kein rhetorisches Druckmittel, um Frauen die Pille anzudrehen. Vor den Kopf stößt mich vor allem das: Von einer Ärztin, die nicht nur täglich im intimsten Kontext mit Frauen arbeitet, sondern selbst eine ist, habe ich mehr Einfühlungsvermögen und Solidarität erwartet.
Dürfte nicht gerade sie, die sich seit sieben Jahren regelmäßig bis zu meinem Muttermund vortastet, etwas mehr Fingerspitzengefühl haben?
Genauso erschreckend wie ihre Taktlosigkeit finde ich die Tatsache, dass die drei Optionen, die sie nennt, im Grunde tatsächlich die einzigen sind. Denn obwohl die Menschheit schon Jahrzehnte Schafe klonen und zum Mond fliegen kann, sind Periodenbeschwerden nie Priorität gewesen.
Was dennoch im Rahmen des medizinisch Möglichen für meine Ärztin liegt: eine Untersuchung, um meinen Beschwerden auf den Grund zu gehen. Das kommt für sie aber nicht in die Tüte.
Als ich frage, ob sie mich vielleicht doch auf Endometriose – eine chronische, entzündliche Erkrankung der Gebärmutter – untersuchen könnte, kassiere ich die nächste Schelle. Ob ich überhaupt wisse, wie teuer so eine Diagnose sei? Und dass unser Gesundheitssystem gerade einen massiven Umbruch durchmache? Kein Wunder, dass das viel Geld kostet, wenn es laut Studien im Durchschnitt sieben Jahre dauert, bis eine Patientin, die wegen Endometriose zum Arzt geht, eine Diagnose bekommt. Gern möchte ich mein Handy auf den Bürgersteig unter mir pfeffern.
Am Ende des Gesprächs fragt sie, ob sie mir nun die Pille verschreiben soll. Ein Rezept für eine Dosis Sperma für die Option Schwangerschaft bietet sie nicht an. Das Gesundheitssystem hat eben doch seine Lücken. Evke Bakker
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