kritisch gesehen: Schaurig schön
Ursina Tossis „Gespenster“ erweitern den theatralen Raum um das Immaterielle
Nachts sind sie wach, sie können fliegen, schweben, spuken und sind meistens tot: „Gespenster“, so heißt das jüngste Stück von Ursina Tossi, das nun auf Kampnagel zu sehen ist. Und noch bevor die Aufführung beginnt, werden bei den Zuschauer*innen Gespenster-Assoziationen abgefragt, Mitternachts-Fantasien ausgetauscht und freundliche Hinweise gegeben.
Wer möchte, kann vorab an einer Tastführung teilnehmen, wem es während der Vorführung zu unheimlich wird, darf sie verlassen. „Gespenster“ richtet sich (vorrangig) an ein junges Publikum. Es ist (auch) ein Stück für blindes und sehbehindertes Publikum und daher eines, das eine künstlerische, mitspielende Audiodeskription bereithält, die in enger Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte entstanden ist. Es ist zugleich ein Stück über paranormale Erfahrungen und Traumata, über unsichtbare Körper und unerklärliche Erscheinungen.
Mit Aurora Brocci, Naomi Sanfo-Ansorge, Sakshi Jain und Damini Gairola hat die Hamburger Choreografin Tossi die Performance erarbeitet. Mit ruhigen, fließenden Bewegungen erobern sich die vier sehenden und sehbehinderten Tänzer*innen den Raum. Sie werden zu vier Körpern, die unsichtbar miteinander verbunden scheinen. Sie ringen, rangeln sich zu Boden, stützen und ertasten, tragen einander hoch in die Luft. Immer mal fügen sie sich für einen kurzen Moment zu einem surrealen Wesen, erscheinen als ein Monster mit drei Köpfen und vier Beinen, als ein albtraumgeborener Geist, um dann bald wieder auf den weißen Tanzboden weich auseinanderzugleiten. Die von Nina Divitschek gestalteten Kostüme – eine schöne Mischung aus angerissenem Punk- und gebatiktem Hippie-Look – knistern dabei raschelnd. Es sind Geräusche, die blinden oder sehbehinderten Zuschauer*innen das Bühnengeschehen erfahrbarer machen. Sie weiten den theatralen Raum über die rhythmischen Sounds von Johannes Miethke und über das sichtbare Geschehen im spiegelnden Lamellen-Bühnenbild von Raphaela Andrade hinaus. So erzählen diese Geräusche immer auch von der Co-Existenz des Immateriellen. Und davon, dass es absolute Stille oder ein absolutes Nichts nicht geben kann.
Tanztheater „Gespenster“, wieder am 28. 11., 10 Uhr, 29. und 30. 11., jeweils 19 Uhr, und mit vorheriger Tastführung, 18. 15 Uhr, Kampnagel, Hamburg
Immer wieder schafft Tossi in ihrer Choreografie bewegliche Zwischenräume, lässt „Platz für Moleküle und Unsichtbares“, wie es einmal in der live gesprochenen Audiodeskription heißt. Sie lässt Dämonisches zu, flüsternde Erinnerungen und den Spuk, genauso aber auch das erlösende Lachen. Und in einem fast magischen Moment lässt sie ein Wesen auf Stelzen und mit wehenden Stoffen die Bühne durchqueren. Zeitlupenlangsam und schaurig schön! Kathrin Ullmann
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen