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herzensortAuf der Wiese im EU-Parlament

Der Farbrausch kommt ohne Vorwarnung. Gerade noch sind wir eineinhalb Stunden durch Holz, Glas und Beton spaziert und auf verspiegelten Rolltreppen zum Plenarsaal gefahren, als der Rundgang zurück ins Erdgeschoss führt. Und dann ist da mitten im EU-Parlament in Straßburg dieser Teppichboden, so unglaublich, dass er einem den Atem verschlägt.

Auf Blättern und Stängeln in allen erdenklichen Grüntönen tanzen rote und gelbe Blüten, ziemlich sicher ist Mohn dabei, vielleicht eine Schwarzäugige Susanne – aber eigentlich sind die Details völlig egal, es geht hier schließlich nicht um botanische Vollständigkeit, sondern um den Mut, einen absolut indiskreten Teppich auszulegen, den ganzen Weg vom Kaffeeautomaten bis zu den bodentiefen Fenstern, hinter denen die Ill glitzert.

Ich stelle mir die Diskussionen während der Bauplanung vor: „Das will doch nach einer Woche keiner mehr sehen, da springen uns die Abgeordneten reihenweise aus dem Fenster!“ Falls es so gewesen sein sollte, wurden die Gegner zum Glück überstimmt, denke ich. Und gönne meinen Füßen eine Pause auf der falschen Wiese. Franziska Seyboldt