h g. hollein: Gestylt
Die Friseurin, unter deren Hände ich mich gelegentlich begebe, ist eine Autorität. Und der unterwirft man sich nun mal. Zudem, wenn die Abwehrmechanismen auf Grund der vorbürolich frühen Morgenstunde noch darnieder liegen. So ließ ich mir denn das angediente Haaröl – kurzsichtig, aber vertrauensvoll blinzelnd – in den nicht gerade üppig bewachsenen Skalp (siehe oben) einmassieren. Das Ergebnis trug den schönen Namen „just out of bed look for men“, mithin ich mich nun als Träger eines wahrhaftigen „dernier cri“ betrachten durfte. Das tat ich denn auch. Wessen ich gewahrt wurde, war ein stacheliges Kreuz-und-quer eingefetteter Haarspitzen. Außerdem umflorte mich ein Duft, der vage an einen Moschusochsen in der Brunft erinnerte. So verließ ich denn die Stätte, hi- nausgeleitet von den stolzen Blicken der Täterin, die von der professionellen Zufriedenheit zeugten, mir nach 46 Lebensjahren endlich zum adäquat animalischen Erscheinungsbild verholfen zu haben. Auf der Straße beglückwünschte ich mich dazu, dass ich erstens nicht eitel bin und zweitens der Laden meiner Friseurin weitab von meinen üblichen Pfaden liegt. Und die an einer roten Ampel im Heckfenster des vor mir stehenden Busses mit allen Anzeichen der Hysterie kollabierenden halbwüchsigen Mädels entlockten mir lediglich ein cooles Grinsen. Meiner Wirkung auf die weibliche Mitwelt gewiss, betrat ich das traute Heim. Als mich die Gefährtin dortselbst mit den Worten empfing: „Ei Schatz, warum siehst du denn aus wie ein durchgepusteter Erpel?“ hielt ich allerdings den Zeitpunkt für gekommen, meinen new look vermittels einer umgehenden Dusche wieder zu entsorgen.
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