großraumdisco: Im Miteinander mal den Weg zum Rechtsfrieden finden
Im Rahmen der „Woche der Gerechtigkeit“ in Niedersachsen darf bei einem Show-Prozess in Celle das Publikum beim Richten mitmachen
Alle Zeug*innen und selbst der Sachverständige gehören zum Team des Oberlandesgerichts Celle. Auf der Anklagebank tut dessen Vizepräsident vergnügt so, als wäre er ein halbseidener plastischer Chirurg, dem die Silikonbehandlung eines Bodybuilders missglückt ist. Neben ihm hat eine Richterin Platz genommen, die seine aufbrausende Verteidigerin spielt. Und vorn sitzt eine Richterin, die vortäuscht, eine Einzelrichterin am Amtsgericht zu sein, obwohl sie gegenwärtig als Präsidialreferentin am größten Oberlandesgericht Niedersachsens arbeitet.
In dessen Bezirk leben 4,1 Millionen Menschen. Früher, im 19. Jahrhundert, erstreckte der sich bis Detmold, nie aber bis ins Bergische Land. Und doch wird hier am 31. August ein Fall mit Tatort Solingen verhandelt, allerdings leicht modifiziert. Nicht mit schrillen Auftritten aufgepimpt, um wie beim TV-Gericht Drama reinzukriegen, sondern eher abgerüstet, um den Prozess zeitlich und vom Aufwand handhabbar und jugendfrei zu gestalten: In Wirklichkeit war der Geschädigte an der Behandlung gestorben. „Das schien uns zu heftig“, erklärt Gerichtssprecherin Alina Stillahn. Denn echt sind bei diesem Show-Prozess die Zuschauer*innen. Sie können per Smartphone abstimmen, wie sie Aussagen und Beweismittel bewerten.
Auf eine Altersbeschränkung wurde dabei verzichtet. Die wäre ja auch kontraproduktiv gewesen: „Wir möchten hier den Rechtsstaat erlebbar machen“, sagt OLG-Präsidentin Stefanie Otte zur Begrüßung. Damit kann man kaum zu früh anfangen: Auch Schulkinder haben sich ins ehrfurchtheischende Gebäude getraut, und ein paar Jugendliche sind gekommen. Es wäre aber noch Platz gewesen in Saal 53. „Wir müssen das Format noch intensiver bewerben“, bilanziert man bei Gericht. Folgetermine stehen noch nicht fest.
Aber der Bedarf ist da. Gerade bei der Frage, wie Rechtsprechung funktioniert, was sie soll und warum Richter*innen zu ihren Urteilen kommen, tun sich Verständnislücken auf. Davon zeugen Äußerungen des Bundesinnenministers Alexander Dobrindt (CSU), der ihnen zum Trotz an illegalen Zurückweisungen an der Grenze festhält, ebenso wie Google-Rezensionen: „Die Bewertungen zeichnen ein überwiegend negatives Bild“, fasst die KI die User-Kommentare in einem Bewertungsportal zum OLG Celle zusammen. Urteile würden nämlich „als unfair empfunden“, so das Maschinen-Resümee. Logisch: Wer auf Gerechtigkeit gehofft und noch nicht einmal Recht bekommen hat, ist frustriert, ob mit oder ohne Grund. Das erzeugt gefährliche Wut und schürt die Sehnsucht nach dem totalen Überrichter, der alles sieht und „nichts ungerächt belassen wird“, wie es im mittelalterlichen Hymnus heißt.
Das Oberlandesgericht war ursprünglich ein Trostpflaster für Celle: Bis 1705 war die Stadt Residenz der Landesherren. Weil die nach Hannover zogen, errichteten sie in Celle 1711 ein großes Zuchthaus und das Oberappellationsgericht.
Die Verhandlung in Celle ist Teil der „Woche der Gerechtigkeit“, die das Niedersächsische Justizministerium bereits zum dritten Mal ausgerufen hat, um auch dem Mythos vom Tag der Abrechnung entgegenzuwirken. Die meisten ihrer Veranstaltungen sind diskursiv, aber auch das Sozialgericht Braunschweig und das Landgericht Hannover haben auf spielerisches Mitmach-Richten gesetzt. „You be the Judge“ heißt das Format in Celle nach einem britischen Webprojekt. Raum, gnadenlosen Rachegelüsten zu frönen, lässt es hier jedoch nicht, weil es die Entscheidung kollektiviert. Per QR-Code haben sich scheint’s alle in die Umfrage-App eingeklinkt. Kaum sind die Antwort-Optionen freigeschaltet, wachsen vorn auf dem Flatscreen auch schon die Ja-Nein-Weißichnicht-Balken: Sieh an, nicht nur das eigene Vorurteil lässt sich also durch Aussagen festigen oder erschüttern.
Stefanie Otte, Präsidentin des Oberlandesgerichts Celle
Das Gefühl, anonymer Teil des gleichen Denkvorgangs zu sein, stellt sich gerade im Zusammensitzen im selben Saal her. Und es senkt die Schwelle, anschließend mit den Profis zu reflektieren: Ob nicht noch ein paar mehr Beweismittel sinnvoll gewesen wären, wie so ein Strafmaß zustande kommt und ob ein Berufsverbot eine Doppelbestrafung bedeutet? Neugierig eher als kontrovers macht das klar: Gerechtigkeit gibt’s weiter nur im Himmel. Rechtsfrieden herzustellen aber ist möglich. Benno Schirrmeister
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