die wahrheit: Gewidmet wem auch immer

Widmungen in Büchern besitzen etwas Magisches für die Leser. Nur so ist zu erklären, dass sie geduldig vor einem Büchertisch Schlange stehen, hinter dem ein erschöpfter und nur noch von der eigenen Eitelkeit aufrecht gehaltener Literat...

Widmungen in Büchern besitzen etwas Magisches für die Leser. Nur so ist zu erklären, dass sie geduldig vor einem Büchertisch Schlange stehen, hinter dem ein erschöpfter und nur noch von der eigenen Eitelkeit aufrecht gehaltener Literat sitzt und fragt: "Für Annett? Mit Doppel-n?" - und genau das dann gehorsam in sein Buch kritzelt, obwohl er es offensichtlich nicht "für Annett", sondern für Wenauchimmer geschrieben hat.

Der Mensch scheint sich nun einmal dringend Fortdauer zu wünschen, und wenn schon kein selbstgeschriebenes Buch zur Verfügung steht, verschenkt er halt ein fremdes. Am liebsten aber mit Originalsignatur des Autors, denn das wirft etwas Ruhm auch auf den Schenker, der damit dezent sein Revier markiert. Für eine gewisse Zeit.

Dabei hat auch die vom Schriftsteller gern dem Werk vorangestellte Widmung ("Für meine Frau, die diesen Roman mit ihrer Geduld und Leidenschaft erst ermöglichte") nur eine ungewisse Halbwertszeit. Oft ist sie der aktuellen Gefährtin zugedacht, die für die erlittenen Entbehrungen nun öffentlich gelobt und ein bisschen entschädigt wird. Außerdem können kommende Generationen von Germanistikstudenten dann die sexuelle Biografie eines Dichters prima nachvollziehen. Und auch die Musen haben eine praktische Gedächtnisstütze fürs Alter im Bücherregal.

Mein Antiquar verabscheut alles in Büchern, was nicht direkt vom Autor stammt. Ob alte Wurstscheiben oder Randnotizen - all das drückt den Preis. Neulich verkaufte er mir Truman Capotes letzten fragmentarischen Roman. Wie ich enttäuscht feststellen musste, hat das 1987 erschienene Werk nichts von der Poesie, dem Witz und der sprachlichen Genialität des früheren Capote. Zuletzt war er schon zur daueralkoholisierten Krawallkartoffel verkommen. "Erhörte Gebete" ist deshalb leider angefüllt mit uninteressantem, klemmpornografischem Gesellschaftsklatsch.

Doch der Anblick der ersten Seite entschädigt für den ärgerlichen Kauf. Verschnörkelt prangt dort eine Widmung: "Liebe Patricia! Dieses Buch schenkt dir deine Mutti zu Weihnachten und sagt dir, dass sie dich sehr lieb hat." O Mutti, dachte ich, Buchpräsente nächstes Mal vorher anlesen! Ausgerechnet "Erhörte Gebete" - immerhin hat sie es dem Töchterchen nicht zur Konfirmation verehrt.

Manchmal aber kommt es durch Widmungen zu unschönen Verwicklungen. Kürzlich drückte ich einem Exfreund, der nach Lektüre suchte, ein unbedacht aus dem Regal gezogenes Buch in die Hand. Ich hatte die leidenschaftliche und mit Herzen verzierte Inschrift völlig vergessen, die von jemandem stammte, der es mir einst geschenkt hatte: "In Liebe und sehnsüchtig, Dein M." - "M.?!", heulte der Exfreund auf. "Wer ist der Kerl? Hier steht 'Juli 1993', da waren wir doch zusammen!" Wütend und buchlos verließ er meine Wohnung, während ich selbst alle Mühe hatte, die historischen Tatsachen zu rekonstruieren.

Ich würde mich jetzt gern wieder versöhnen. Ich schreibe ein Buch mit dem Titel "Wie man Kerle richtig eifersüchtig macht". Millionen Frauen werden es kaufen und verschenken, und ich freue mich schon aufs Signieren: "Für Matthias? Mit Doppel-t?"

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