die wahrheit: Suche nach "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Private Wettläufe mit der Zeit sind immer spannend - es muss nicht gleich "In 80 Tagen um die Welt" sein, und es bedarf auch nicht immer eines Gegenspielers.

Die Zeit selbst reicht. Mit dem Motorrad etwa hab ich schon oft gespielt: Wie schnell bin ich aus Berlin raus? Ein automatisch ablaufendes Parallelspiel heißt dabei: Wie viele Punkte bekomme ich in Flensburg?

Geistreicher ist da schon das Spiel: "Auf der Suche nach 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'". Im Titel dieses Spiels ist, wie sich manch einer dunkel erinnern wird, der Titel des Lieblingsromans von Yves Saint Laurent und Truman Capote enthalten. Diesen Roman hat ein Franzose geschrieben, dessen Name nach unterdrücktem Lachanfall klingt: Marcel Proust.

Ich besaß diesen Roman schon einmal in all seinen 13 Einzelbänden in deutscher Übersetzung, verkaufte ihn aber irgendwann wieder, weil er zu viel Platz wegnahm, weil ich Geld brauchte oder weil ich zu ungeduldig war für diese Art von weitschweifiger Hochliteratur.

Jetzt will ich es mit Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" noch einmal versuchen, denn wie sagte Dr. Samuel Johnson einmal zu Miss Thrale: "Wer nicht liest, wird nicht viel denken und wenig zu sagen haben." Außerdem fand ich Somerset Maughams Urteil interessant, der meinte, dass er sich lieber von Proust langweilen als von einem anderen Autor unterhalten ließe.

Daher begann ich vor zwei Wochen gegen die Zeit das Spiel: "Auf der Suche nach 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit'" - ein wenig auch in Erinnerung an die packenden Spiele: "Wer kauft bis morgen zwölf Uhr die meisten Taschenbuchausgaben von Arno Schmidt?" und "Wer hat als erster alle Bände von Zolas 'Rougon-Maquart' in der Rütten&Loening-Paperbackausgabe", die ich mit einem Freund einmal spielte.

Ich hab gleich mit einem Highlight begonnen: Band 13, dem allerletzten. Dafür habe ich einem Kreuzberger Sportantiquariat - wo wohl irgendeiner gedacht hat, das Werk sei die Lebensbeichte eines alternden Hundertmeterläufers - zum Tausch das Werk "Ohne Kampf kein Sieg" des Rennfahrers Manfred von Brauchitsch überlassen, ein ganz hervorragendes Buch übrigens!

Nun hatte ich mir, um das Spiel interessanter zu machen, zwei Zusatzregeln ausgedacht: 1. Kein Einkauf im Internet, da unsportlich! Und 2. Kein Bar-Ankauf. Die zweite Regel ist allerdings nicht so leicht einzuhalten, denn viele Antiquare beherzigen in ihrem eigenen Überlebenskampf diese Regel als erste und einzige. Daher werde ich jeden Euro, den ich für Proust ausgebe, als Strafwoche werten.

Nur 50 Tage jährlich bleiben für die geistvolle Zerstreuung des Proust-Spiels, wenn ich die Zeit für Schlaf, Arbeit, geistlose, wenngleich anregende Zerstreuung wie das Motorradfahren, Essen und Trinken sowie Gähnen und Blinzeln abrechne. Ich habe auf der Suche nach "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" schon verdammt viel Zeit verloren: vier volle reale Tage bei bis jetzt vier Bänden, aber ein Strafkonto von elf Wochen. Das wird knapp. Wird die Zeit reichen? Hoffentlich so lange, bis mich das Spiel langweilt. Tja, Proust ist halt nicht jedermanns Sache.

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kari

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