die wahrheit: Poetisches Malheur

Wie der Dichter Treureuth einmal nächtens zuhause mit Raum und Zeit kollidierte.

Am nächsten Morgen hatte er die Hand am Gemächt und schreckliche Nackenschmerzen. Das kommt davon, wenn man vor der Flimmerkiste einschläft, brummte der Dichter. Bild: martin moser

An einem Donnerstag, um zwei in der Frühe, wehte den Dichter Treureuth wieder mal die Erhabenheit der Schöpfung an. Er betrachtete den funkelnden Materiehaufen, der hoch über seinem Kopf in tintiger Schwärze dümpelte. Ostwärts grüßte die Mondscheibe umkränzt von einem Donut aus zartem Wolkenschaum.

"Ich sollte mal wieder ein hammermäßiges Gedicht schreiben, dachte Treureuth. Es wird von der Zeit handeln und vom Raum, von der Ewigkeit und vom Geworfensein und mit der Zeile beginnen: "Die Zeit, sie schreitet durch den Raum / wie ein dummer Pausenclown". Er inhalierte nochmal kräftig, warf den ausgelutschten Joint in den Hof, dann schloss er das Küchenfenster, hockte sich an den Tisch und vollendete das Poem auf dem Deckel einer Pizzaschachtel: "Die Zeit, sie schreitet durch den Raum / wie ein dummer Pausenclown. / Erst kreiselt sie, dann wirft sies um, / weil, Raum macht seinen Buckel krumm. / Die Zeit sagt au, reibt sich das Knie / und flucht auf Einsteins Theorie, / dem sie ja das Malheur verdankt, / eh sie mühsam weiterwankt / durch ein neues Säkulum / im Raumzeitkontinuum."

"Wirklich hammerhart", schmunzelte der Dichter. Nun konnte eine kleine Erfrischung nicht schaden. Treureuth fischte ein Pils aus dem Kühlschrank, kippte einen Schnaps hinterher, trank ein zweites Pils, dann noch einen Schnaps. Mit dem dritten Pils hockte er sich vor den Fernseher und sah nackerten Damen zu, die im Dienst einschlägiger Telefonsexanbieter ihre Geschlechtsorgane walkten. Darüber nickte der Dichter ein.

Als er anderntags zu entziffern versuchte, was er da nächtens zwischen Tomatenflecken und getrocknete Käsereste gekrakelt hatte, fiel ihm nur ein einfacher Dreisatz ein. Erstens: "Mann, o, Mann, was für eine Sauklaue", zweitens, "ich sollte den Drogenkonsum wohl doch etwas einschränken", drittens, "is ja auch wurscht, ich koch erst mal Kaffee." Er stopfte den fettigen Karton in den Müll und setzte Wasser auf.

Zehn Minuten später hatte der Dichter geduscht, den Abfall runtergebracht, die Zeitung geholt, zwei Eier gebraten, auf dem Herd brodelte der Espresso. Er wollte das Frühstück gerade in die gute Stube bugsieren, da riss ihn die Türklingel aus der Kontemplation. Treureuth schüttete sich eine halbe Tasse Espresso auf seine Hose, riss die Tür auf und bellte, halb wahnsinnig vor Schmerz und Furor: "Sapperlot, wer stört denn da des jungen Tages Heiterkeit?" Eine krächzende Stimme antwortete: "Wir sinds, die Herren Raum und Zeit".

Der Dichter staunte Bauklötze. Vor ihm stand ein triefäugiger Riese, dessen exorbitanter Buckel ihm die Aussicht verdunkelte und einem verschrumpeltes Männlein als Hochsitz diente. "So, so", keckerte das Männlein und hielt Treureuth die Pizzaschachtel vor die Nase. "die Zeit schreitet also durch den Raum, wie ein dummer Pausenclown. Wissen Sie, was der Ihnen sagt, der Pausenclown …" Und ehe sich der Dichter versah, hatte ihm das Männlein den Karton dreimal über den Schädel gehauen. Jetzt keifte er wieder. "Schon mal was von der Pseudo-Riemannschen Mannigfaltigkeit gehört, Sie Schmierant? Vom Aussetzen des Parallelenaxioms? Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Einsteins Erweiterung der dreidimensionalen Raumkoordinaten zum Vierervektor? Energie-Impuls-Tensor des Gravitationsfeldes? Lorentztransformation?" - "Ich transformier dir gleich eine", brummte Treureuth, wurde aber im selben Moment von dem Riesen gepackt und mit einem so gewaltigen Tritt zur Tür hinausbefördert, dass er wie ein Torpedo über den Zaun des Vorgartens schoss, den benachbarten Dachfirst streifte, anschließend die Wolkendecke, die Schallmauer und die Stratosphäre durchstieß, bis ihn die Schwerelosigkeit des Alls umschloss, wo Treureuth anstelle der Planeten nackerte Damen sah, die ihm achtstellige Telefonnummern zuflüsterten.

Am nächsten Morgen hatte er die Hand am Gemächt und schreckliche Nackenschmerzen. Das kommt davon, wenn man vor der Flimmerkiste einschläft, brummte der Dichter. Er beschloss, zu diesem Thema beizeiten ein Gedicht zu verfassen, das sich mit etwas Glück der FAZ oder dem Gesundheitsmagazin der Barmer Ersatzkasse unterjubeln ließe. Und schon formten sich in seinem Hirnkasten ein paar klassische Alexandriner: "Du siehst, wohin du siehst, im TV nur mehr Grauen / und fliehst vor dem Entsetzen oft in Traumes Schoß, / da ist dann, wenn du Pech hast, auch nichts andres los."

Treureuth suchte nach einem Zettel, um auch diese Inspiration sogleich für die Nachwelt festzuhalten, fand aber nichts Brauchbares außer einer alten Pizzaschachtel. Angewidert ließ er es sein. MICHAEL QUASTHOFF

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