die wahrheit: Der Wein und die Erkenntnisallergie

Eine gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft besteht darin, den Laien neue Erkenntnisse zu vermitteln, damit sie ihre Lebensweise anders einrichten können...

... - wenn sie denn können und wollen. Derlei Sätze beruhigen, zumindest bis es ins Detail geht. Und da wird es für den Laien schnell haarig.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten vor Jahren einen positiven Zusammenhang zwischen dem Untergang des "realexistierenden Sozialismus" und der Zunahme von Allergien - insbesondere Heuschnupfen. Hinter der These stehen weder spätstalinistische Dunkelmänner noch westliche Pharmakonzerne, sondern seriöse deutsche Epidemiologen. Als Grund für das Ansteigen der Allergien im Osten machen sie den gestiegenen Konsum von Margarine aus. Für Liebhaber der Genauigkeit: "Linolsäure und andere mehrfach gesättigte Fettsäuren" sind verantwortlich für den Anstieg von Allergien.

Mitverantwortlich ist auch der durch den Gesamtverkehr gewachsene Anteil von Stickoxyden in der Luft - das sind Abgase aus Autos, Lastwagen, Flugzeugen, aber auch Kohlekraftwerken. Die Lebensart bestimmt also auch das Geschehen an der Allergiefront. Mit dem Hochziehen des Eisernen Vorhangs kamen nicht nur die Boulevardzeitungen und die nackte Freiheit, sondern auch die Margarine und damit der Heuschnupfen.

Für die Hartgesottenen unter den Freunden der Aufklärung sind solche Zwiespältigkeiten, Nebenwirkungen und Kollateralschäden keine Überraschung. Schließlich muss, wer Fußball will, auch Kahn & Co. in Kauf nehmen. Man sollte aber für die trivialen Fährnisse des Lebens nicht immer gleich die "Dialektik der Aufklärung" bemühen. Das endet im Sportreporter-Kitsch.

Andererseits gibt es viele Enthusiasten des reinen Weins und der klaren Ansage. Die könnten nach der folgenden Meldung in der Wissenschaftsbeilage einer Zeitung ins Grübeln kommen. Nachgewiesen ist, dass in den Schalen roter Weintrauben der Stoff Reservatrol enthalten ist. Der Stoff wirkt etwa ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Dieses Hormon schützt Herz und Kreislauf bei Mann wie Weib, befördert aber auch das Wachstum bestimmter Krebssorten.

Bei Mäusen hat der Barolo-Stoff allerdings auch erhöhte Resistenz gegen Brustkrebs ausgelöst - bei Mäusen! Hätten Männer in etwa die Konstitution von Mäusen, könnten sie beruhigt weiter trinken. Ins Wissenschaftliche übersetzt hört sich die Diagnose freilich etwas weniger beruhigend an: "Reservatrol ist jedenfalls ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass ein und derselbe pflanzliche Inhaltsstoff für den Menschen sowohl günstige als auch potenziell gefährliche Wirkungen haben kann."

Genau so ist es: Barolo tut gut, macht aber auch besoffen und im Ernstfall krank. Aber so etwas ahnten die Freunde des Weins wie jene der Aufklärung immer schon. Auch in der Wissenschaft geht es krumm zu und her und voran ohnehin nur auf Zickzackwegen und mit Abstürzen - fast wie beim Trinken. Nur für die Enthusiasten des reinen Weins, der klaren Ansage und des sturen Blicks ist derlei wissenschaftlich erhärtete Erkenntnis niederschmetternd.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

kari

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de