die wahrheit: Dem Teeismus verfallen

Bei der Fußball-Europameisterschaft sind die Iren nicht dabei, und nach ihrer Ablehnung des EU-Vertrags von Lissabon...

Bei der Fußball-Europameisterschaft sind die Iren nicht dabei, und nach ihrer Ablehnung des EU-Vertrags von Lissabon werden sie wohl demnächst aus Europa ausgeschlossen und Amerika zugeschlagen. Aber im Teetrinken sind sie nicht nur Europameister, sondern sogar Weltmeister: 200 Liter rinnen jährlich durch irische Kehlen.

Am Freitag kamen bei der Party der Gegner des Lissabon-Vertrags freilich härtere Sachen auf den Tisch. Allerdings wurde die ausgelassene Feier immer wieder durch Reden der Aktivisten unterbrochen, die das irische Volk, aber vor allem sich gegenseitig lobten. Interessant wurde es erst, als Eddie das Mikrofon eroberte. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einiges intus, und es war definitiv nicht Tee.

"Bei aller Freude darf man nicht vergessen", lallte er, "was für eine tolle Stadt Lissabon ist. Ich war gerade erst im Urlaub da." Dann erzählte er vom großartigen Wetter, von den netten Portugiesen und den üppigen Fischportionen in dem kleinen Restaurant im Altstadtviertel Bairro Alto. Als er begann, von den Desserts zu schwärmen, überwältigte man ihn und nahm ihm das Mikrofon weg. Seine Partnerin versuchte, ihm Tee einzuflößen, um die Promillezahl zu drücken.

Tee ist auf der Grünen Insel ein Allheilmittel. Man trinkt ihn in allen Lebenslagen, viele Iren wären ohne sieben bis acht Tässchen am Tag gar nicht funktionstüchtig. Irische Bauarbeiter trinken sogar noch mehr. 70 Prozent finden laut einer Untersuchung, dass Tee eine entspannende und Stress abbauende Wirkung habe. Dadurch würde ihre Produktivität gesteigert. Deutsche Bauarbeiter schreiben diese Eigenschaften eher dem Bier zu. Während die deutschen Lehrlinge traditionell zum Bierholen geschickt werden, müssen sie auf den britischen Inseln in den Pausen Tee aufbrühen - das erste Mal, bevor mit der Arbeit überhaupt begonnen wird.

Die Untersuchung wurde von der Teemarke mit dem passenden Namen "Make Mine A Builders" durchgeführt. Man hat herausgefunden, dass der durchschnittliche Verbrauch beim Bau einer Doppelhaushälfte mit drei Schlafzimmern bei 9.500 Tassen Tee liegt. Bei größeren Projekten wie der Restaurierung des Londoner Bahnhofs St. Pancras sind es sogar sechs Millionen Tassen. Auf der Webseite der Teefirma ist ein lustiges Video mit allerlei Baustellen-Unfällen zu sehen: Männer, die von Dächern stürzen, in die Kanalisation fallen oder mitsamt Leitern in Dornenbüschen landen. Vermutlich kommen sie danach durch eine Tasse Tee wieder auf die Beine. Manche Ehepaare haben sogar einen elektrischen "Tea maker" auf dem Nachttisch - ein Plastikkästchen mit Zeitschaltuhr, das morgens heißes Wasser in zwei Tassen mit Teebeuteln fließen lässt. Eine nutzlose Erfindung, denn man muss die Beutel entsorgen und die Milch hinzufügen, die im Sommer - den es auch in Irland bisweilen gibt - auf dem Nachttisch sauer geworden ist.

Vielleicht ergibt sich aus dem Teeismus der Nation ja eine Chance für die irische Regierung, den Lissabon-Vertrag doch noch durchzuboxen. Sie könnte ihren Landsleuten damit drohen, dass Brüssel den Teehahn zudrehen werde, wenn der Vertrag nicht angenommen wird.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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