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die wahrheitGeben und Nehmen

Kommentar von

Mark-Stefan Tietze

Die Wahrheit deckt auf: Die tückischen Tricks der Datendealer.

Der Datenskandal schockiert ganz Deutschland: Millionen von persönlichen Informationen, sensiblen Auskünften und peinlichen Adressen sind ohne Wissen ihrer Besitzer im Umlauf und werden von Lotteriebetreibern, Callcenteragenten und anderen gewerbsmäßigen Abzockern für unlautere Zwecke genutzt. Herangeschafft wird das brisante Wissen von gewieften Profis, denen kein Mittel zu kriminell ist, um an das Privateste der Bürger zu kommen: ihre Daten und ihr Geld. Aber wie genau schaffen es die Gauner, nicht nur an so streng geheim gehaltene Fakten wie Straßennamen und Hausnummern zu kommen, sondern auch an die dazugehörigen Namen und Telefonanschlüsse?

"Die Wahrheit ist: Sie bedienen sich oft des Telefonbuchs", klagt Beate Jost von der Verbraucherzentrale Darmstadt, "und zwar anders als wir anderen: aus lauter Profitgier!" Allerdings haben die Datendealer laut Jost seit einiger Zeit ein Problem: Immer wenige Deutsche lassen sich im amtlichen Fernsprechverzeichnis finden. Die Hälfte der Bevölkerung besteht aus Frauen, die sich vor obszönen Anrufen fürchten - sie führen im Telefonbuch statt des ausgeschriebenen Vornamens nur ein Buchstabenkürzel, damit man nicht erkennt, dass sie Frauen sind. "Dann ist da die Masse der kaufkräftigen Teenies, die meist gar nicht mehr wissen, was ein Telefonbuch oder ein Festnetzanschluss ist", erläutert die Verbraucherschützerin. "Und bereits 20 Prozent aller Deutschen sind prominent und haben sowieso eine Geheimnummer!"

Frauen, Teenies und Promis - die begehrten Daten dieser wichtigen und besonders leichtgläubigen Zielgruppen erschleichen sich die Infosammler über sogenannte Preisausschreiben. Bei dieser perfiden Form des Datenraubs werden die Opfer mit der Aussicht auf einen sogenannten Preis geködert, ihre intimsten Daten preiszugeben. Mit den ausgelobten Preisen sei es jedoch so eine Sache: "Anders gefragt: Kennen Sie etwa jemanden, der schon mal was bei einem Preisausschreiben gewonnen hat?", lacht die Frau von der Verbraucherzentrale. "Ja? Ich auch - bei uns im Viertel wohnt ein Teenie, der einen Jaguar mit Domestos-Werbelackierung fährt! Und meine Cousine Maria Furtwängler hat kürzlich beim Takko-Modemarkt ein Traumhaus am Starnberger See gewonnen - spitzenmäßig!"

Um selbst diejenigen, die schon alles haben, zur Teilnahme an ihren Preisausschreiben zu verführen, machen sich die Betrüger raffinierte psychologische Mechanismen zunutze. "Auch wenn der Preis vielleicht mal nicht so attraktiv ist - spätestens mit dem diabolischen Mittel des Einsendeschlusses kriegen sie jeden", sagt der Volkswirt Dr. Edmund Rauf von der Universität Heidelberg. "Die Leute tun praktisch alles, um sich selbst das Gefühl zu geben, clever zu sein, Gelegenheiten beim Schopfe zu ergreifen und nicht immer zu spät zu kommen. Die rechtzeitige Einsendung der Antwortpostkarte oder -mail verschafft vielen diese tiefe Befriedigung."

Dabei ist den meisten nicht bewusst, dass sie dubiosen Geschäftemachern auf den Leim gehen, wenn sie nebenher scheinbar unverfängliche Fragen nach Hobbys und Interessen mit "Jeans in Domestos bleichen", "teure Elektrogeräte sammeln" oder "koksen" beantworten. "So ein Leichtsinn - wie kann man nur so bescheuert sein!", regt sich Dr. Rauf auf. "Andererseits: Als die Hertie School of Governance neulich einen hochdotierten Lehrstuhl für zeitlich begrenzte Sonderaktionen und unwiederbringliche Gelegenheiten verlost hat, hab ich selbstverständlich sofort mitgemacht - auch wenn ich dafür einige meiner vielen Berufsgeheimnisse offenlegen musste."

Gegen die stärkste Waffe der Gauner sind allerdings auch Datenschutzprofis machtlos: extreme Höflichkeit. "Im Internet wird man dauernd in den nettesten Worten darum gebeten, seine E-Mail-Adresse in irgendwelche Formulare einzugeben", sagt Sicherheitsexperte Thomas H. aus Hanau. "Ehrensache, dass ich das dann auch tue. Wo findet man solche Liebenswürdigkeit heute sonst noch?" Der gelernte Türsteher, der selbst schon mehrfach Opfer von Internetabzocke wurde, will trotzdem nicht auf Offenheit und Transparenz im Umgang mit seinen privaten Daten verzichten: "Es ist das Prinzip von Geben und Nehmen. Ich hab eigentlich kaum was zu verbergen - und wenn die doch so nett fragen!" Der Preis, den der Hanauer für diese Extraportion Herzenswärme zu zahlen bereit ist, erscheint ihm nicht zu hoch, ganz im Gegenteil: "Wenn die mir auch noch schreiben, wie erfreut sie über meine Antwort sind, wie geehrt sie sich fühlten, wenn ich ihnen für weitere Produktinformationen, einmalige Angebote und Glückwunschpostkarten meine Postadresse und mein Geburtsdatum überlasse", schluchzt er gerührt, "dann lege ich denen immer noch meine Kontoverbindung und die PIN-Nummer meiner EC-Karte obendrauf. Das ist halt meine Art, Danke zu sagen."

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1 Kommentar

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  • SB
    Simon Burghardt

    Bestens recherchiert, prima belegt durch Zitate von Leuten, die es einfach wissen müssen, und voll mit Situationen, die wohl jeder kennt. Ein Artikel, der mitunter zu Tränen rührt. Danke!