die wahrheit: Auf ein Wort bzw. Unwort

Wenn die jährliche Auswahl aufeinanderprallt, liegt ganz Dudenland im Hörsturzfieber.

Viel früher als in all den Vorjahren, nämlich schon kurz nach Bartholomäi - wenn der sprichwörtliche Barthel den Most holt - begegneten sich zwei Pressemitteilungen ähnlichen Inhalts praktisch noch im Faxgerät. Die eine kam von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, die andere von selbst ernannten Juroren der Frankfurter Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität. Das eine Schreiben gab das "Wort des Jahres" bekannt, das andere das "Unwort". Keine Botschaft wusste von der anderen. Auf halber Strecke zwischen Hattersheim und Kriftel trafen sich die Zeilen zwar noch einmal kurz, aber die Verwirrung, die sie wechselweise stifteten, ließ sich nicht mehr aufhalten.

Das war in den Anfangstagen des Begrifferankings ganz anders. Da war der Satzbau noch geregelt. Am Anfang war das Wort, und erst mit etwas Verspätung kam auch das Unwort zur Sprache; und seit im Jahre 1977 die Wiesbadener das Szenewort "Szene" zum ersten "Wort des Jahres" erkoren und vierzehn Jahre später die ausländerfreie Jury der Uni Frankfurt "ausländerfrei" zum "Unwort des Jahres" ausgewählt hatten, dauerte es immerhin bis zum Jahr 2002, dass es zu einem Fastzusammenstoß zwischen Wort und Unwort kam - oder wüsste jeder wohl auf Anhieb, in welcher Disziplin der "Teuro" und in welcher die "Ich-AG" gewonnen hatte? Seitdem überwachen ungezählte Hobbyphilologen und Freizeitsemantiker Tag und Nacht den deutschen Sprachraum, peilen Sprachschützer ungeschützte Chatrooms an, um bei ersten Anzeichen einer drohenden Wortkollision Alarm zu schlagen, die Bevölkerung zu warnen und gegebenenfalls mit Wortgewalt zum Schweigen zu bringen.

Doch nun ist es trotz aller Sicherheitsmaßnahmen geschehen, hat das Restrisiko die Oberhand gewonnen: Das Wort "Wort" ist zum "Unwort des Jahres" gewählt worden! Zugegeben, nicht ganz unverdient. Schließlich wird seit Monaten seitens der CDU fast täglich vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck ein "Wort" zur Linken eingefordert. Und dessen Sekretär Hubertus Heil verlangt zur selben Zeit von der stur schweigenden Kanzlerin im täglichen Wechsel mal ein "Wort" zur Gesundheitsreform, mal eins zur Pendlerpauschale und dann zur CSU. Jeder Politiker, der einem anderen begegnet, erinnert diesen sofort daran, im Wort zu stehen. Da können alle noch so große Sätze machen: Wer im Wort steht, kommt da ganz schlecht wieder raus. Deshalb sagen viele lieber gar nichts, geben nicht mal mehr Ehrenworte ab.

Denn würden alle diese Worte tatsächlich fallen, gäbe es einen großen Rumms im Land. Ganz Dudenland läge im Hörsturzfieber danieder! Das wäre mal ein Ding. Beziehungsweise Unding, und es dränge ohne Zweifel viel Ungemach in manch Gemach. Aber es kommt noch schlimmer. Beim Unwort des Jahres "Wort" ist es zu allem Unglück nicht geblieben, denn zum "Wort des Jahres" wurde parallel in Wiesbaden das Wort "Unwort" ausbaldowert.

Das hat man nun davon, wenn Jurys zu sehr tagen. "Unwort" gewann wohl deshalb, um die Weigerung vieler Kritiker zu würdigen, unwürdige Worte, eben Unworte, zu benutzen, um Menschen oder Zustände herabzuwürdigen oder um den sprachlichen Umgang von Unmenschen mit Menschen zu geißeln. Seit die Entscheidungen gefallen sind, stehen die Telefone der Sprachinstitute nicht mehr still. Aber keiner geht mehr dran. Wie soll man auch erklären, dass aus der Menge beziehungsweise Unmenge der Dudenwörter ausgerechnet "Wort" und "Unwort" genommen wurden?

Manche sprechen daher schon von einem "Wörterloo" der deutschen Sprache. Schiere Sprachlosigkeit hüllt als grauer Mantel das Schweigen ein. Wenn "Wort" zum "Unwort" wird, wird Widerspruch unmöglich und Seemannsgarn sogar zum Seemannsungarn. Jeder könnte alles Mögliche behaupten. Weil nichts unmöglich wäre. Mit anderen Wor…: Es fehlen einem glatt die Wö…

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kari

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