die wahrheit: Jobs in der vierten Dimension

Zeitarbeit: Neue Beschäftigungschancen für Arbeitslose.

Wer genügend Muskelkraft aufzubieten hat, kann zum Beispiel verpasste Momente wieder einfangen. Bild: ap

Die Zeitarbeitsbranche boomt. Mehr als eine halbe Million Deutsche sind mittlerweile in diesem vielseitigen und abwechslungsreichen Berufsfeld tätig, und etwa ebenso viele sind gerade in diesem Augenblick dabei, ihre Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen, aber noch etwas unzufrieden mit dem Foto.

Sie sollten es unbedingt zerreißen und ein neues machen lassen - Zeitarbeit ist nämlich ungemein attraktiv und lohnt jeden Bewerbungsaufwand. Experten führen den gegenwärtigen Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt auch darauf zurück, dass selbst Langzeitarbeitslose, die sich für Tätigkeiten in der müll-, gift- oder bazillenverarbeitenden Industrie zu schade sind, hier gern zugreifen. Kein Wunder: Zeit ist nicht nur erheblich sauberer und gesünder als zum Beispiel der Inhalt eines Gelben Sacks oder angeschimmeltes Plutonium, sondern lässt sich meist auch rückstandsärmer vernichten.

"Gerade ungelernten Kräften, die es in unserer hochtechnisierten Arbeitswelt sonst sehr schwerhaben, bietet Zeitarbeit ein weites Beschäftigungsfeld", sagt Dr. Jürgen Demler von der Bundesagentur für Arbeit. "Wer genügend Muskelkraft aufzubieten hat, kann zum Beispiel verpasste Momente wieder einfangen, entscheidenden Sekunden hinterherjagen oder mit Vorschlaghämmern auf endlose Minuten einschlagen, ehe die dann auf dem Schrottplatz der Geschichte landen." Auch Problemfällen ohne jede Qualifikation bieten Zeitarbeitsfirmen eine Nische, wie Dr. Demler berichtet: "Wer es gern etwas gemütlicher angehen lässt oder als ehemaliger Tagedieb resozialisiert werden muss, kann in vielen Unternehmen die heiteren Stunden zählen - auf Dauer zwar eine etwas öde Angelegenheit, aber sie kommt den Arbeitgeber oft billiger als eine Sonnenuhr und funktioniert auch bei schlechtem Wetter." Doch auch Höherqualifizierte sind als Zeitarbeitskräfte gefragt. Interessenten mit Hauptschulabschluss und gewandtem Auftreten können sich beispielsweise umschulen lassen und bei Haustürgeschäften Zeitverträge und Quarzuhren im Rolex-Look an den Mann bringen. Für Akademiker stellt das expandierende Berufsfeld sogar eine regelrechte Goldgrube dar: "Die Arbeit in der vierten Dimension steckt voller hochkomplexer Herausforderungen", sagt Dr. Demler. "Gerade im Milli- oder gar Nanosekundenbereich ist Präzision von einer Art gefordert, wie man sie normalerweise nur Chirurgen, Zahnärzten oder Tapezierern abverlangt, und die Bezahlung dementsprechend."

Händeringend gesucht werden derzeit zum Beispiel abenteuerlustige Astrophysiker, die die Grenzen der Unendlichkeit ausdehnen, ohne dass es zu diplomatischen Verwicklungen kommt. Auch arbeitslose Geisteswissenschaftler können sofort ins Erwerbsleben zurückkehren, wenn sie beispielsweise als Linguisten das komplizierte Futur II beherrschen oder als Historiker unsere schwierige Vergangenheit bewältigen helfen.

"Wir haben auch noch freie Stellen für Volks- und Betriebswirte, die zur Abwechslung mal in die Zukunft des Planeten investieren statt nur in die ihrer Kinder", lacht der Mann von der Arbeitsagentur. "Des Weiteren benötigen wir Umwelttechniker, die Stundengläser spülen und verschwendete Zeit recyceln können. Und für ein anspruchsvolles Projekt der Firma Microsoft, nämlich eine eigene Zukunft zu entwickeln, die man den Nutzern nach einer Gratis-Testphase gegen eine (geringe) monatliche Lizenzgebühr überlässt, werden noch jede Menge Juristen gesucht." Die Beschäftigten jedenfalls sind von ihrer Branche begeistert. "Alles ist hier so dynamisch", schwärmt Antje K., die in einem Uhrwerk arbeitet, "alles ist im Fluss, und die Zeit scheint niemals stillzustehen, es sei denn, wir warten auf Genehmigung unserer Urlaubsanträge." Doch es gibt auch Schattenseiten. Berufstätige berichten immer öfter von Déjà-vus, klagen: "Dasselbe hab ich doch gestern schon mal getan. Und vorgestern. Und vorvorgestern!" Dass die gefühlte Arbeitszeit überdies oft viel ausgedehnter erscheint als die tatsächliche, hat nicht nur mit der Relativitätstheorie, sondern auch mit der Unsitte der Unternehmer zu tun, aus jeder Minute ihrer Angestellten das Letzte herauspressen zu wollen.

"Die ticken doch nicht richtig!" - unter diesem Motto warnen deshalb jetzt die Gewerkschaften vor den Auswüchsen der Zeitarbeit. Sie raten dazu, bei dienstlich angeordneten Zeitreisen auf ein dickes Spesenkonto zu bestehen und sich längere Aufenthalte in Zeitschleifen unbedingt als Bereitschaftsdienst vergüten zu lassen - bei Reisen in die Vergangenheit von mehr als 100 Jahren kommt nämlich schnell ein erkleckliches Sümmlein zusammen.

Vorsicht aber auch bei Reisen in die Zukunft, so die Gewerkschaften: Wer über den Zeitpunkt seines voraussichtlichen Rentenbeginns hinaus dienstlich unterwegs ist, arbeitet gegebenenfalls umsonst!

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kari

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