die wahrheit: rasenbowler müssen hungern

Für eine Rebellion ist es nie zu spät. Die 73-jährige Betty Baxter aus dem schottischen Dundee hat endlich die Nase voll. "Die Männer halten uns wie Sklaven", sagt sie.

Für eine Rebellion ist es nie zu spät. Die 73-jährige Betty Baxter aus dem schottischen Dundee hat endlich die Nase voll. "Die Männer halten uns wie Sklaven", sagt sie. "Sie glauben, die Frau gehört in die Küche, und das sagen sie auch ganz offen." Doch jetzt macht Baxter nicht mehr mit: Sie hat zum Streik aufgerufen. Es hat eben etwas länger gedauert, bis das 21. Jahrhundert Schottland erreicht hat. Und noch länger dauert es, bis es auch bei den geriatrischen Rasenbowlingclubs Einzug hält.

Rasenbowling ist so britisch wie Cricket. Man spielt es auf einem möglichst ebenen, kurzgeschorenen Naturrasenplatz von 1.600 Quadratmetern, der in verschiedene Bahnen unterteilt ist. Die werden abwechselnd von Nord nach Süd und von Ost nach West bespielt, damit der Rasen nicht einseitig belastet wird. Die Regeln erinnern etwas an Boccia. Betty Baxter gehört dem Bowling Club in Broughty an, einem äußerst vornehmen Vorort von Dundee. Sie ist eins der jüngsten Mitglieder. Der Verein wurde 1875 gegründet, 1924 kam die Frauenabteilung hinzu. Seitdem wird von den Frauen erwartet, dass sie am Samstagabend für die männlichen Vereinskameraden eine warme Mahlzeit kochen, sie mit einem Glöckchen vom Platz an den Tisch rufen und danach den Abwasch erledigen. Bei ihrer Sitzung vorige Woche beschlossen die Frauen, den Dienst zu quittieren. "Wir sind einfach zu alt dafür", sagt Baxter. "Es wird Krieg geben."

Der brach bereits am nächsten Tag aus: Die Männer rächten sich auf ihrer eigenen Sitzung und hoben den Mitgliedsbeitrag für Frauen von 46 auf 87 Pfund im Jahr an - es sei denn, die Frauen kommen zur Besinnung. Sie können trotz des erhöhten Beitrags weiterhin nur assoziierte Mitglieder mit eingeschränkten Rechten werden. Männer zahlen 115 Pfund im Jahr und dürfen spielen, wann sie wollen. "Es ist tatsächlich schwierig, sich ein hübscheres Bild an einem sommerlichen Nachmittag vorzustellen", heißt es auf der Webseite des Clubs, "als den Broughty-Rasenplatz im Sonnenschein mit seinen acht Bahnen, wo die Spieler in freundschaftlicher Rivalität um den Sieg kämpfen."

Doch nun bekommen sie hinterher keine warme Mahlzeit mehr. Douglas Reid, Geschäftsführer des Schottischen Rasenbowlingverbandes, versteht die Frauen. "Seit den Sechzigerjahren hat in diesem Land eine Revolution stattgefunden, und es wurde sogar mal von einer Frau regiert", sagt er. "Bei den Rasenbowlingclubs hat sich in den vergangenen hundert Jahren hingegen nicht viel verändert. Vielleicht ist es Zeit für eine Modernisierung. Wenn die Ladys in die Jahre kommen und eine Pause möchten, dann sollen sie die haben."

Und vielleicht wird sie sogar gesetzlich abgesichert: Im kommenden Frühjahr will die Regierung in Edinburgh das Gesetz für Gleichberechtigung aktualisieren, um sicherzustellen, dass Golfclubs und Rasenbowlingvereine Frauen nicht länger als Mitglieder zweiter Klasse behandeln. Dann müssen die Clubs die nach Geschlechtern getrennten Bars abschaffen und Frauen womöglich auch am Wochenende spielen lassen. Der Broghty Bowling Club könnte dazu eine Jahrtausendwendfeier veranstalten. Die meisten Pizzerias haben einen Lieferservice.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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kari

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