die wahrheit: Lebenslang mit Lauftendenz
Wir werden alt. Mit etwas Glück 90, mit etwas weniger Glück 100 Jahre. Der Preis für dieses Glück ist hoch: Alzheimer, Arthrose, Demenz, Rheuma, Gicht, Inkontinenz und so weiter und so fort …
… Ehe Gevatter Tod aufkreuzt, steht eines Tages sein Vetter im Türrahmen, präsentiert statt Sense einen Rollator. "Wenn es denn eine Altersplage sein muss, dann soll es die Lauftendenz sein", werde ich vorschlagen. "So soll es sein", wird er hoffentlich antworten. Gut gefallen würde mir dazu die grunzende Stimme des Rammstein-Sängers, muss aber nicht sein.
Menschen mit Lauftendenz müssen gehen. Eine innere Stimme sagt ihnen: "Geh! Sofort! Verlasse diesen Ort und suche einen anderen auf! Nichts und niemand kann dich hier halten!" Widerstand ist zwecklos.
Die Lauftendenz befällt Menschen vorwiegend in Alten- und Pflegeheimen. Menschen mit Lauftendenz werden während akuter Laufschübe per Radiosender gesucht. "Herr Knaabe ist 81 Jahre alt. Er ist etwa einssechzig groß, hat lichtes, graues Haar, trägt ein beiges Jackett und braune Filzpantoffeln. Herr Knaabe benötigt dringend medizinische Hilfe. Wenn Sie Herrn Knaabe sehen, rufen sie bitte die Residenz ,Wanderlust' an, oder wählen sie die Notrufnummer der Feuerwehr oder der Polizei."
Herr Knaabe ist mir sympathisch. Auch seine Krankheit ist mir sehr sympathisch, im Vergleich zu anderen geriatrischen Leiden ein Segen. Gäbe es so etwas wie einen Krankheits-Grammy, er wäre der Lauftendenz sicher. Die kleinste Unannehmlichkeit oder Unfreundlichkeit, und du bist verschwunden, vom Erdboden verschluckt, in lauen Lüften schwebend, unsichtbar für deine Peiniger.
Die Lauftendenz wird umweht von einer philosophischen Leichtigkeit, einer anarchischen Immunität gegenüber den Zumutungen des modernen Daseins, und ein freundlicher Radiomoderator verkündet obendrein mit sonorer Stimme deinen Namen. Wenn mit 80 Warhols Versprechen viertelstündiger Berühmtheit noch immer nicht eingelöst ist, die Lauftendenz schafft das.
Schon heute freue ich mich darauf, den kräftigen Männern in den weißen Kitteln auf die Frage "Wo wollen wir denn schon wieder hin?" zu antworten: "Woher soll ich wissen, wo sie hin wollen. Ich jedenfalls laufe ziellos umher. Ich habe Lauftendenz."
Meine Chancen sind gut. Schon als Kind wurde bei mir mittelschwere Lauftendenz diagnostiziert, wenn auch ohne den medizinischen Terminus. Mit drei, so erzählt mir noch heute meine Mutter, wurde ich einmal pro Woche von Bewohnern meines Heimatdorfes am Ortsrand auf dem Weg in die weite Welt aufgegriffen, den Tretroller hinter mir herschleppend.
Fahren konnte ich ihn noch nicht, wollte es aber unterwegs lernen. Nun befällt mich zu allerlei Anlässen wieder dieser herrliche Drang, stante pede auf und davon zu schlurfen. Nichtigkeiten können ihn auslösen, der Geruch eines Fertiggerichts, ein Megahit im Radio, ein Nachbarsgesicht, eine Uniform, eine Frisur, ein Blick. Und der Drang wird stärker, er hat etwas Libidinöses, es fühlt sich an wie … sorry, muss los …
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