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berlinmusikEchte Dogmatik

Da sage noch einer, die Echtzeitmusiker mit ihren sparsamen Tönen, wenn es denn überhaupt Töne im engeren Sinn sind, hätten keinen Sinn für Selbststilisierung mit schrägem Humor. Den schönsten Gegenbeweis treten aktuell The Dogmatics an, die schon bei der Namenswahl ein unerschütterliches Gespür für Ironie beweisen.

Doch da hört die Sache noch lange nicht auf. Das Berliner Duo, dessen eine Hälfte überwiegend in Sydney weilt, hat auch in Sachen Bandlogo und Covergestaltung die Nase sehr weit vorn. So erinnert der symmetrische Namenszug mit seiner kaum leserlichen, ausgefransten Typographie an Vertreter des „True Black Metal“, allen voran Darkthrone, deren unheilschwangeren Schriftzug The Dogmatics mehr oder minder direkt zu zitieren scheinen.

Ebenso die Frakturschrift für den Titel. Abgerundet wird das Ganze durch eine morbide Coverillustration, eine Radierung mit totenkopfbewehrten Figuren vor karger Landschaft, Grabkreuze dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen.

So weit die Verpackung. Die Musik hingegen, die der Pianist Chris Abrahams, unter anderem beim australischen Trio The Necks an den Keyboards, und der Berliner Klarinettist Kai Fagaschinski, der zudem im gleichfalls sehr schön benannten Klarinettenduo The International Nothing spielt, auf den beiden Plattenseiten – dies ist ein Vinylprodukt – hervorbringen, ist denkbar weit entfernt vom verzerrt-dumpfen Tremologeschrabbel über Doublebass-Getrommel, für das der traditionsbewusste Black Metal aus norwegischer Erzeugung steht.

Chris Abrahams tastet sich still an seinem Instrument voran, spielt kaum mehr als einen Ton zur Zeit, und fast jeder einzelne davon erhält viel Zeit, um sich zu ent­falten. Ähnlich die langgezonen Linien Fagaschinskis, die von hoch überblasenen Kieksern über heiseres Kratzen bis zu fast elegisch-gehauchten Makromelodien reichen. Zart kann man das nennen, ohne dass es kitschig gemeint ist.

Seit 2007 betreiben Abrahams und Fagaschinski ihr Projekt, zunächst eher für sich, 2012 erschien ein erstes Album. „Chop Off the Tops“, ihre zweite Platte, ist, bei aller Albernheit des Äußeren, ein großer epischer Wurf. Ein sehr leiser eben.

Tim Caspar Boehme

The Dogmatics: „Chop Off the Tops“ (self-release), thedogmatics.bandcamp.com

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