berliner szenen: Schmetter-lingeam Bauch
Es ist Sonntag, der 12. 11. 1989. Wir kommen emotionsgeladen mit der S 1 am Bahnhof Friedrichstraße an. Zurück in Ostberlin. Wir, das sind ein, zwei Hände voll Jungs mit Skateboards. Die Crew vom Alexanderplatz oder zumindest ein guter Teil davon. Wir hatten uns bei „California“ mit all den anderen getroffen, neue und alte Freunde, neue Skatespots gesehen, ein bisschen Westberlin erkundet. Sind mit 50, 60 Leuten den Ku’damm runtergeskatet und haben dabei unsere Welt vergrößert.
Jetzt sind wir nur glücklich und auf dem Weg in unser altes Land, das es nicht mehr gibt – in die Stadt, die nun viel größer ist.
Das Wochenende war so unendlich voll von Eindrücken, Neuem und Aufregendem, dass wir komplett erlebnistrunken, strahlend erzählend und lachend auf den unteren Bahnsteig an der Friedrichstraße stolpern. Es ist voll. Die ganze Welt scheint auf den Beinen. Die Menge löst sich nur langsam auf und strömt zu den Ausgängen, zu den Treppen nach oben.
Eine Gruppe kleiner Jungs, so um die 10- bis 12-Jährige, schiebt sich ebenfalls durch die Menschen, zielstrebig auf uns zu. Als sie bei uns ankommen, beginnen sie Smalltalk. Wir sind etwas irritiert, belächeln sie. Dann sagt einer der Jungs, ein kleiner dicker, der mir in etwa bis zur Brust geht: „Gib mir dein Geld!“ Ich muss lachen und denke, ein Scherz! Wir schauen uns alle etwas belustigt an. Kurz darauf ziehen alle kleinen Jungs Butterfly-Klappmesser aus der Tasche und halten sie uns bedrohlich vor den Bauch, sodass wir die Klingen durch die Klamotten spüren. Das Lachen stirbt. Die vorbeieilenden Leute interessiert das nicht. Wir werden abgezogen, von Kindern, mit Messern, am helllichten Tag. Zum ersten Mal – direkt am Wochenende nach dem Mauerfall. Meine letzten 30 Westmark Begrüßungsgeld – weg. Christian Rothenhagen
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