berliner szenen: Alte Klobekanntschaften
Vorletztes Wochenende ist es schon spät beim Internationalen Literatur-Festival. Ich habe mich etwas verquatscht und möchte vor dem Antritt meines Nachhausewegs noch mal auf die Toilette gehen. Jetzt ist alles leer. Vorhin gab es wie immer eine ewig lange Schlange. Ich öffne eine Kabine und erschrecke mich, denn dort sitzt schon eine Frau. „Oh, Entschuldigung! Es war nicht abgeschlossen“, sage ich, während ich die Tür schnell wieder schließe. „Ja“, ruft sie, „kein Ding. Ich schließ nie ab. Hab Schiss, dass ich nicht mehr rauskomme.“ Soso, denke ich, gehe in eine andere Kabine und überlege, woher ich die Frau kenne. Irgendwo habe ich ihr Gesicht schon mal gesehen. Nur wo? Ich überlege hin und her, höre sie draußen an den Waschbecken, ziehe mir schnell die Hose hoch und spüle. Beim Händewaschen beobachte ich sie über den Spiegel. Sie hat tolle Haare und lächelt mich jetzt an. „Entschuldigung noch mal“, sage ich, „aber kennen wir uns nicht irgendwoher?“ Sie sieht mich an und lacht: „Kann mir keine Gesichter merken. Aber hoffentlich nicht. Wäre ja auch richtig peinlich, wenn man mich so auf der Kloschüssel sitzend erkennen würde. Bisschen unwürdig.“ Ich grinse und sie lacht mit einer tollen Elchlache, unterbrochen von ein paar tiefen Tönen in der Mitte zum Luftholen. „Na gut, dann tschüß“, sage ich. Sie winkt kurz mit einem Papierhandtuch. Später überlege ich, woher ich sie kenne, komme aber einfach nicht drauf. Ein paar Tage später sitze ich in einem Schöneberger Café, da steht sie plötzlich vor dem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. „Hallo“, sage ich erfreut. Sie zeigt auf mich. „Vom Klo neulich, oder?“ Ich nicke. Wir kichern und ich bestelle einen Kaffee. Als ich später bezahlen will, sagt sie: „Is schon erledigt. Geb heute einen aus für alte Klobekanntschaften.“
Isobel Markus
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