berliner szenen: Eine weitere Nacht in Neukölln
Es ist Freitagabend, ich sitze allein an einem meiner Stammspätis am Reuterplatz. Eine alte Freundin taucht auf, mit der ich seit Jahren keinen Kontakt mehr habe. Wir tun beide so, als würden wir uns nicht sehen, und als sie ihr Rad nimmt und Richtung Sonnenallee losfährt, bin ich erleichtert. Alle meine Freundinnen sind bereits verabredet oder bringen ihre Kinder ins Bett und schlafen mit ihnen ein, während sie eine Gutenachtgeschichte vorlesen.
Aus meiner Ecke beobachte ich, wie der Späti-Besitzer Gäste hinauswirft, die fremde Getränke an seinen Tischen konsumieren, und wie sie mit einem traurigen Lächeln und ohne Widerstand aufstehen und gehen. „Immer dasselbe“, denke ich, denn er macht es oft – zum Beispiel, wenn Menschen ihm zu laut sind. Ich bleibe trotzdem, weil das Leben in der Stadt noch pulsiert, als wäre es Hochsommer – auch wenn alle schon wärmer angezogen sind und es deutlich frischer geworden ist. Nach Hause zieht es mich noch nicht; dort wäre es still, oder das Radio würde mich daran erinnern, wie schlecht es der Welt gerade geht. Lieber mag ich es, hier am Späti Geschichten oder einfach nur Wortfetzen aufzuschnappen: „Hausverwaltung“, „Dates“, „Bewerbungsfrist“…
„Ist da frei?“, fragt mich plötzlich jemand und zeigt auf den Platz neben mir. Ich lüge und behaupte, er sei gleich besetzt, obwohl das nicht stimmt. Ich sehe auch jemanden, mit dem ich mich einmal einen Abend lang über alles Mögliche unterhalten habe, doch er erkennt mich nicht – und das ist in Ordnung.
Dann hole ich mir noch ein Bier, bevor ich schließlich doch zu mir laufe. Mir ist klar, dass dies keine unvergessliche Nacht werden wird. Aber es ist immerhin eine weitere Nacht in Neukölln. Und ich genieße es, mal mehr, mal weniger, ein Teil davon zu sein.
Luciana Ferrando
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