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berliner szenenHier regiert der Rotschwanz

Ein Freund bot mir seine Wohnung an. Er gehe auf Korfu wandern, sagte er, und in diesen zwei Wochen dürfe ich bei ihm wohnen. Wenn ich mir schon keinen eigenen Urlaub leisten könne, ein Tapetenwechsel sei es trotzdem. Vor seiner Abreise gab er mir einige Anweisungen. Vor allem solle ich mich um seinen Balkon kümmern, dessen vielfältige Bepflanzung einfühlsame Pflege benötigte, wie er ausdrücklich betonte. Mir erschien der Balkon wie ein kleines Paradies, und ich freute mich im Vorhinein, als würde ich tatsächlich in die Ferien fahren.

Kaum aber hatte ich mich eingewöhnt, die Unterhaltung der Pflanzenwelt bekam ich schnell in den Griff, fielen mir zwei grazile Vögel auf, Hausrotschwänze, die in der Nähe des Balkons hin und her flatterten und aufgeregte Tek-Tek-Tek-Rufe von sich gaben. Ich sah ihnen eine Weile zu und verstand, dass sie ein Problem mit mir hatten. Auf dem Weg zu ihrem Nest in einem kleinen Mauerloch über dem Balkon wagten sie sich nicht an mir vorbei. Zunächst kümmerte ich mich nicht um ihr Anliegen und versuchte weiterhin, die Idylle der Natursimulation um mich herum zu genießen. Doch bald schrillte die Quengelei der Küken wie Alarmglocken in meinen Ohren. Mussten sie womöglich hungern? Meinetwegen? Das wollte ich auf keinen Fall riskieren und beschloss, den Balkon nur noch zum Blumengießen zu betreten.

Fortan beobachtete ich das Treiben der Rotschwänze vom Schreibtisch aus. Sie flogen davon, kamen mit einem Wurm oder einer Spinne zurück und flogen nach dem Füttern wieder davon. Stunde um Stunde, Tag für Tag. Was für eine Heidenarbeit, dachte ich erschöpft. Mir fiel es schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Wenige Tage später kehrte ich in meine Wohnung zurück. Da ist das Internet sowieso viel besser.

Henning Brüns

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