berliner szenen: Heute keinen Nachtisch
Nach einem außerordentlich langen Tag im Homeoffice steht noch die Vorbereitung der Französisch-Klassenarbeit des Teenagers an. Seit Beginn der Pandemie bin ich seine Nachhilfelehrerin, Motivatorin, Klassenarbeitsvorbereiterin und Vokabelabfragerin für die erste Fremdsprache. Es ist nicht so leicht, im Homeschooling eine Sprache zu lernen. Wenn man immer nur Arbeitsblätter ausfüllt. Deshalb gibt es bereits nach einem halben Jahr die Mitteilung der Lehrerin unter einem mit „ungenügend“ bewerteten Test: „Hilfe dringend empfohlen.“ Ich weiß nicht, wie andere Eltern das machen, wenn Nachhilfeeinrichtungen geschlossen sind und Social Distancing empfohlen wird.
Hier führte das zu mütterlicher Dauerbelastung. Denn der Vater meines Sohnes hatte Latein in der Schule. Nun also abends, halb neun. Ein demotivierter Teenager, eine müde Mutter. Es geht schleppend voran. Ich werde ungeduldig und zu laut. „So nicht, Fräulein!“, ermahnt mich der 16-Jährige. Und das war ausgerechnet am 8. März, Frauentag. „Ey nee, so auch nicht“, sage ich erschöpft. „Was genau ist da jetzt dein Problem?“, fragt der junge forsche männliche Mensch verwirrt. Er kennt den Begriff noch von früher, vom Spielplatz, wo manche Eltern ihre kleinen Mädchen so titulierten. In Kontexten wie „Mein liebes Frollein, wenn du weiter so ein Theater machst, gibt es heute keinen Nachtisch!“ Das fand er damals extrem witzig. Ich erkläre ihm, dass das Wort „Fräulein“ bereits Ende der 1970er aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden ist. Er sieht mich verständnislos an. „Es war eine Anrede für unverheiratete Frauen“, versuche ich matt eine Erklärung, die so gar nicht in die Gegenwart zu passen scheint. „Für unverheiratete Frauen gab es eine extra Anrede? Krass! Und was hat man damals zu unverheirateten Männern gesagt?“
Gaby Coldewey
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