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berliner szenenWieder ein wonniger Donnerstag

Die besten zwei Tage des letzten halben Jahres waren Donnerstage. Kurz nachdem ich das feststelle, bestätigt das Schicksal meine neue Erkenntnis. Auf dem Weg liegt ein Taschenbuch: „Wonniger Donnerstag“ von John Steinbeck. Ich mag keine Secondhandbücher. Egal.

Glühend vor Hoffnung, dem Glücksgeheimnis von Donnerstagen auf die Spur zu kommen, lese ich mich fest. Aber wie es mit Hoffnungen so ist. Steinbeck verrät das Geheimnis nicht. Wonnige Donnerstage fangen bei ihm morgens mit klarer Luft an und dann nehmen sie einfach ihren Lauf. Zum Beispiel: „Miss Graves, die beim Umzug des Schmetterlingsfestes von Pacific Grove die Chorführerin ist und Solo singt, sah hinter ihrem Wasserrohr das erste Heinzelmännchen ...“ Wasserrohre aktivieren, weil sie nicht immer dicht sind, gerade keine Glückshormone in mir. Aber ich gebe nicht auf und beschließe, es bei nächster Gelegenheit wieder mit einem wonnigen Donnerstag zu versuchen. Wenn Steinbeck das Rezept nicht verrät, dann muss ich es eben selbst finden.

Mittwochabend meditiere ich, um meine Rezeptoren für den nächsten Tag zu tunen. Penibel achte ich während des Tages auf jedes Zeichen. Auf dem Gehweg liegt ein zusammengefalteter, mit vielen Anmerkungen versehener Zeitungsartikel vom Juni 2008. Thema ist die Frage, ob das Maxim-Gorki-Gymnasium in Heringsdorf seinen Namen ablegen sollte. Wer verliert einen zwölf Jahre alten Zeitungsartikel? Rätselhaft! Aber wonnig? Wobei Namenswechsel vielleicht was in Fahrt bringen können. Ich beschließe, mich als John Cage zu probieren. Eine Zufallsoperation soll über das Donnerstagsglück entscheiden. Ich tippe mit geschlossenen Augen auf eine Stelle des Zeitungstextes. „Gulag“ steht da. Mist. Anfängerprobleme bei der Glückssuche. Astrid Kaminski

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