Zug der Erinnerung: Endstation Auschwitz

100 Jugendliche aus Görlitz reisen mit dem "Zug der Erinnerung" in das ehemalige Vernichtungslager. Für viele wird das Grauen erstmals fassbar.

Junge Görlitzer im Hauptbahnhof von Wroclaw, auf dem Weg nach Auschwitz. Bild: dpa

AUSCHWITZ, taz

"Der Tag war so schön, die Sonne schien, der Himmel war herrlich blau, und wir fuhren mit dem Zug nach Auschwitz!" Die 17-jährige Gymnasiastin Sandra Kühnel fährt sich unwillkürlich mit der Hand über den Mund. Sie stockt, als überlege sie, ob sie weiterreden solle. "Ich habe durch das Zugfenster geschaut und versucht mir vorzustellen, wie vor 60 Jahren eine solche Fahrt für ein jüdisches Mädchen in meinem Alter ausgesehen hätte. Was hätte sie gefühlt? Eingesperrt in einen Viehwaggon, ohne Wasser und Essen?" Die 15-jährige Anna Mäde mit den blauen Strähnchen im tiefschwarzen Haar fällt ihr ins Wort: "Denn wir fahren ja wieder zurück nach Hause. Aber für die Kinder damals? Die wussten ja gar nicht, was Auschwitz eigentlich war. Der Bahnhof, die Rampe, Endstation Auschwitz."

Anna und Sandra gehören zu den rund 100 Jugendlichen, die in Görlitz in den "Zug der Erinnerung" gestiegen sind. Sie wollten die letzte Strecke der "rollenden Ausstellung" über die Deportation von jüdischen Kindern und Jugendlichen in die Nazikonzentrationslager mitfahren. "Als wir zum ersten Mal von diesem Zug und der Spurensuche in unseren Heimatstädten hörten, wussten wir noch gar nicht, dass der Zug nach Auschwitz fahren würde", erzählt Anna. In der Schule habe sie sich jetzt in der neunten Klasse zum ersten Mal intensiv mit dem Dritten Reich und den Nazis beschäftigt. "Aber das ist so weit weg. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Wäre ich damals auch ein Opfer gewesen?"

Jetzt fällt ihr Sandra ins Wort. Die beiden kennen sich aus Borna bei Leipzig, wo sie das Gymnasium Am Breiten Teich besuchen. Sandra ist allerdings schon zwei Klassen weiter. Im Leistungskurs Geschichte beschäftigt sie sich gerade mit dem Holocaust: "Die schwierigste Frage ist, ob man selbst zum Täter geworden wäre, damals. Hätte man der Propaganda geglaubt, wenn einem die Nazis erzählt hätten, dass man ein guter Arier ist, die anderen aber Untermenschen?" Sie schweigt und stochert missmutig in den Pommes frites.

"Es müssten viel mehr Leute mit so einem Zug fahren", sagt sie. "Und sich dann diese Ausstellungen in den Baracken von Auschwitz ansehen. Die Schuhe, die Haare, die Koffer." Für sie selbst war Block 11 am schlimmsten, der Todesblock. "Diese Nazis waren richtige Sadisten. Das war mir vorher nicht so klar. Mörder ja. Auch Massenmörder. Aber dieses fiese Morden in Block 11? Das wusste ich nicht."

Tatsächlich wurden Häftlinge im Todesblock zu viert in Stehzellen zusammengepfercht, andere saßen in Hunger- oder Dunkelzellen. Wenn die Zellentüren wieder geöffnet wurden, waren die meisten Insassen tot.

Für mich war das Kinderzimmer am schrecklichsten", sagt Anna. "Da waren ganz viele Fotos von Kindern in meinem Alter. So dünn. Und die großen, traurigen Augen." Die Fotos im "Zug der Erinnerung" sind anders. Noch lachen die Kinder in die Kameras. Sie wissen nicht, was ihnen droht. Dass die meisten direkt nach der Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern geschickt wurden, ist gut dokumentiert. Weniger bekannt ist, dass SS-Ärzte sich gern auch Kinder für ihre medizinischen Experimente aussuchten. Von ihnen gibt es die meisten Bilder in Auschwitz.

"Wir haben auf der Zugfahrt Briefe geschrieben, Bilder gemalt und Collagen geklebt", erzählt Sandra. Sie holt ihren Brief hervor, der an keinen gerichtet ist. "Es ist eher eine Art Selbstgespräch, das ich da aufgeschrieben habe". Eine der Betreuerinnen der rund 100 Jugendlichen verteilt große Papierbögen und glänzende Bänder. Darin rollt jeder sein Werk ein und bindet es sorgfältig zu. "Wir legen sie in Auschwitz-Birkenau nieder. Das ist unsere Form des Gedenkens."

Anna hat einen Brief mit schwarzer Tinte geschrieben. "An wen, sage ich nicht." Vor der Gedenkfeier in Birkenau, dem eigentlichen Vernichtungslager, hat sie Angst: "Wer weiß, was da für Gefühle hochkommen?" Sandra legt ihr die Hand auf dem Arm. "Wir werden auch einen Zeitzeugen treffen. Einen Überlebenden. Vor dem sollten wir keine Angst haben. Eher neugierig sein."

Nach ihrer Rückkehr wollen Anna und Sandra etwas verändern in ihrer Stadt. Vor der Zugfahrt suchten sie nach jüdischen Spuren in Borna. Sie fanden vier Familien, deren Spuren sich in Ghettos und Konzentrationslagern verloren. Wenigstens einige Stolpersteine sollte es geben in Borna. "Den Text haben wir uns noch nicht überlegt", sagt Anna. "Bei einem wissen wir, wo er umkam: Endstation Auschwitz."

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