piwik no script img

■ Bonn-apartZarah Leander und die Hauptstadtfrage

Bonn (taz) – Unter uns: Die Bonner sind wie die Ossis, nur schlimmer. Sie lamentieren und klagen, obwohl es ihnen besser geht, als sie es nach der Wiedervereinigung erwarten durften. Ihre Stadt ist reich, die Fußgängerzone immer noch eine der größten Deutschlands und der Tag, an dem Regierung und Bundestag nach Berlin entschwinden könnten, scheint ferner denn je.

Selbst wenn er kommt: So schlecht wie dem kränkelnden Berlin und seinem ostdeutschen Umland, da dürfen sich die Bonner sicher sein, wird es ihrem rheinischen Residenzstädtchen nie ergehen.

Dennoch nagt etwas an ihrer Seele, ist das Selbstwertgefühl auf Dauer gekränkt. Da gibt es den Moderator im Lokalradio, der den Weggang der Museumsdirektorin beweint. „Ein Trost bleibt“, beruhigt er sich und seine Zuhörer: „Sie geht nach Basel, nicht nach Berlin.“ Da wird gejubelt, daß die Demonstration im Bonner Hofgarten friedlich blieb, anders als eine Woche zuvor im Berliner Lustgarten (tagelang hing das Transparent des Bürgerbunds Bonn von der Autobahnbrücke: „Lieber in BONN regieren, als in BERLIN demonstrieren.“). Da gibt es den Conferencier beim Bundespresseball am letzten Freitag, der strahlt: „Die Leute kommen zu uns und wandern nicht in die Provinz Berlin ab.“ Und da folgt auf dem Fuß der peinliche Versprecher: „Herzlich willkommen zum Bundespresseball 1992 in Berlin...äh.“

Tief hat sich den Bonnern der Schmerz über den Liebesentzug eingegraben, als den sie den Umzugsbeschluß des Bundestages interpretierten. Wie ein verschmähter Liebhaber, können sie nicht aufhören, überall Anzeichen eines Sinneswandels der Angebeteten herauszulesen. Jeder neue Baukran im Regierungsviertel, jede Kürzung für Grundstückskäufe in Berlin läßt sich als Beweis deuten, daß sie doch nicht auszieht, die geliebte Regierung: „Jetzt ist der Umzug gestorben!“, raunen sich die Bonner auf ihren Empfängen zu. „Jetzt aber endgültig!“ flüstern sie in der Schlange vor dem kalten Buffet.

Eddy Heußen kann ein Lied davon singen und zwar im wörtlichen Sinn. Lange Zeit war er SPD-Sprecher in Bonn, seit anderthalb Jahren ist er Berliner Senatssprecher. Keiner der alten rheinischen Freunde, der ihm auf dem Bundespresseball nicht von den neuen Beweisen für einen Nicht-Umzug erzählte. Keiner, dem Heußen nicht Zarah Leander für die neue Bonner Hymne empfohlen hätte: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen.“ Uuuhund dann bleiiben die Beammten da... Hans-Martin Tillack

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen