Workshop Konstruktiver Journalismus

Die Suche nach dem positiven Twist

Gute Nachrichten sind selten – aber mindestens so erzählenswert wie schlechte.

Die Wand der Resultate Bild: Jann-Luca Zinser

von Jann-Luca Zinser

Noch besser besucht als sonst war er, der letzte Panter Workshop in der Rudi-Dutschke-Straße 23 in Berlin-Mitte. Während dessen Organisator*innen schon die ersten Kisten in den taz Neubau schleppten, widmeten sich knapp 45 Journalist*innen aus ganz Deutschland unter Leitung der taz-Mitbegründerin Ute Scheub und dem renommierten Projekt-Publizisten Michael Gleich in Kooperation mit dem Netzwerk Weitblick e.V. am 19. und 20. Oktober 2018 dem Thema „kritisch-konstruktiver Journalismus“.

Ute Scheub und Michael Gleich leiteten den Workshop Bild: Jann-Luca Zinser

Strömungen der Hirnforschung und der Psychologie befassen sich schon länger mit den Auswirkungen positiver und negativer Nachrichten auf den Menschen. Aus deren Ergebnissen leitete sich irgendwann auch diese Richtung des Journalismus ab: Nachrichten konstruieren eine Realität – und die kann eine gute, wenigstens eine lösungsorientierte sein.

In der Praxis der Einzelnen sieht konstruktiver Journalismus ganz verschieden aus, gerade bei einem Computer- und Technikportal erschließt sich die Anwendung nicht auf den ersten Blick.

Niels Held von CHIP erklärt aber, dass sie im Service- und Verbraucher*innenorientierten Bereich viel leisten können: So haben sie beispielsweise PDFs zur Organspendeanmeldung zum Download angeboten, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berichtete danach von großen Zuwächsen. Oder Artikel über #EchoOfHelp, eine Initiative der UN Women, die Amazons viel kritisierten Sprachassistenten „Echo“ zur Hilfe bei häuslicher Gewalt nutzt. Selbst Google, eigentlich unternehmerischer Steilvorleger für Kritik und Klage, liefert Stoff für einen positiven Twist. Der Gigakonzern platziert alte Smartphones im Regenwald, die Regierungsinstitutionen über illegale Rodung informieren. Die Kehrseiten all dieser Medaillen sollen natürlichen immer ihren Platz im Journalismus haben – aber das sind auch Geschichten, die erzählt werden müssen.

Professor Joachim Bauer über Hirnforschung und Journalismus Bild: Jann-Luca Zinser

Wie dieses Kind am Ende allerdings heißen soll, blieb das ganze Wochenende über eine begleitende Frage. Wenn diese Form konstruktiv ist, stempelt sie alle anderen dann als destruktiv? Diese und andere Kernfragen wurden in mehreren kleinen Arbeitsgruppen diskutiert, freie Autor*innen trafen auf Redakteur*innen von Tech-Magazinen, Videojournalist*innen oder Studierende. Des taz-Umzugs wegen auf den Fluren, vor dem Kuchenbuffet oder in sonst einer Ecke, aufgehalten hat das aber niemanden.

Passend zum Einstieg folgte am Nachmittag des ersten Tages ein Vortrag von Hirnforscher und Psychiater Professor Joachim Bauer. Der kritisierte den „unter den Problemen der Welt ächzenden Journalismus“, mancher Anchorman der Fernsehnachrichten höre sich an wie ein Sozialarbeiter, der abends über seine schwersten Fälle im Heim berichte, „Marietta Slomka wie eine Erzieherin, die Eltern über die Verfehlungen ihrer Kinder aufklärt.“ Bauer mahnt allerdings, niemals zu schönen oder Kritik wegzulassen. Man müsse aber auch die Fortschritte beleuchten, also gute Nachrichten produzieren. Schließlich sei neurowissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Selbstnetzwerke mit den Wir-Netzwerken im Hirn des Menschen überlappen. Das führt im Umkehrschluss auch zu dem Phänomen, dass sich viele eine falsche Mehrheitsmeinung schnell zu eigen machten, so der Professor. Menschen blickten auf die Welt durch den Journalismus, der sei am Ende aber auch nur eine Wahrnehmung Einzelner: „Journalismus bietet immer eine Sprache, wenn es um Gefahren oder um Versagen geht. Wenn es aber etwas zu loben gilt, bleibt er stumm.“

Dem wollen die Workshop-Teilnehmer*innen entgegenwirken, denen Gehör verschaffen, die nicht gesehen und gehört werden. Denn viele haben auch Gutes zu berichten. Der intensive Vortrag hat sichtlich geschafft, Teilnehmer Jens Brehl, freier Autor vornehmlich für Medien- und ökologische Themen, fast knapp zusammen: „Anstrengend und anregend“ war der erste Tag. Er möchte künftig „Gutes einfach mal stehen lassen“.

Das Essen war, wie es aussieht – köstlich Bild: Jann-Luca Zinser

Der zweite Tag verarbeitete dann den Input, ergebnisorientiert fand man sich erneut in Gruppen zusammen und präsentierte anschließend. Für notwendig befand man eine Sensibilisierung und Förderung des konstruktiven Journalismus vor allem durch Führungskräfte. „Die Pflänzchen zu pflegen“ schlug ein Teilnehmer vor, also Ideen und Initiativen den Druck zu nehmen und sie mit Geduld zu fördern.

Die Leser*innenbegeisterung war ein großer Schwerpunkt, schließlich müssen die schlechte Nachrichten gewöhnten Menschen überzeugt werden, dass es hier nicht um Hofberichterstattung oder Schön-Wetter-Journalismus geht. Auf einem Flipchart dazu stand: „Überraschende Lösungen für bekannte Herausforderungen finden.“

Die Teilnehmer*innen verständigten sich auf strategische Kooperationen, wollen einen Preis für konstruktiven Journalismus ins Leben rufen. Sie alle arbeiten an der Etablierung des Themas: Workshop-Leiter Michael Gleich doziert dazu schon an der Deutschen Journalistenschule, Besuche weiterer Einrichtungen sind in Planung. Er selbst ist seit den 80ern von der Idee begeistert, sah das Innovationspotenzial auch für Deutschland und ist mittlerweile gut vernetzt, um sie hartnäckig voranzutreiben.

Ute Scheub freut sich derweil schon auf das nächste Treffen dieser Gruppe, das vielleicht in München, vielleicht aber auch wieder in Berlin stattfinden soll. Konstruktiv wird es wohl so oder so.